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Marketing-Manager des Jahres 2010: Thilo Sarazzin

In marketing, medien on 04/01/2011 at 20:04

Wann ziehen von Kanzlerin bis Zentralrat, von Grün bis Schwarz, von Links bis Rechts alle an einem Strang? Selten, sehr selten. Im vergangenen Jahr 2010 war dies jedoch einmal der Fall: Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ befanden Politiker aller Couleurs als „bemerkenswert“. Während manche ihm einen Eintritt in die NPD nahelegten, oder ihn (wie Cem Ödzdemir) als „Stammesfürsten nach dem Geschmack von Bin Laden“ bezeichneten, echauffierten sich andere über die geheuchelte Aufregung und dankten Sarrazin für die Aussprache „unangenehmer Wahrheiten“. Auch die Kanzlerin als Nachlassverwalterin einer ehemaligen Volkspartei zeigte sich „not amused“.

Die Politik hat damit eine Diskussion angestoßen, bzw. folgt der weitläufigen Meinung, die Äußerungen unseres ehemals obersten Bankers seien durchaus diskutabel. Deutlich wird das – neben den Leserkommentarspalten der einschlägigen Klatschblätter – insbesondere an den Verkaufslisten des deutschen Buchhandels. Mit über 1,2mio verkauften Exemplaren und nunmehr 16 Auflagen steht „Deutschland schafft sich ab“ unangefochten auf Platz eins. Das erfolgreichste Buch 2010 ist zugleich das erfolgreichste Sachbuch aller Zeiten. Der Weg zu diesem Ziel ist zugleich der Grund, warum sich Stenographique der Causa Thilo annimmt: Es ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte ausgebuffter PR-Arbeit.

Spätestens seit Eva Herrmann ist bei den deutschen Leitmedien angekommen, dass provokante Thesen – umgarnt von seichter Distanzierung – Quote bringen. So kam es, dass die Springer-Blätter „Bild“ und „Spiegel“ vorab seitenweise Auszüge aus einem Buch druckten, von dessen Thesen sie stets inhaltlich abrückten. Mal mehr (Spiegel), mal weniger (Bild). Ein kluger Schachzug der Marketing-Experten von Sarrazins Verlag DVA: Ein halbexklusiver Vorabdruck gegen die monatewährende kostenlose und subtile Buchung der besten Werbeplätze in den reichweitenstärksten Print- und Onlinemedien der Republik.

Um einmal eine Vorstellung zu vermitteln: Eine (nur eine einzige!) Seite im Spiegel kostet im Durchschnitt… nicht 10.000, nicht 20.000 sondern 58.973 EUR (hier die aktuelle Preisliste zum Download). Der Spiegel hat davon rund 20 ausschließlich mit den vorab veröffentlichten Auszügen gefüllt – entspricht einem Mediawert von 1.179.460 EUR. klickstu Den Rest des Beitrags lesen »

stuttgart (21) sucht fachleute für öffentlichkeitsarbeit

In medien, miscellaneous on 11/10/2010 at 15:39

nachdem das mammutprojekt „stuttgart21“ seit rund 15 jahren geplant und „demokratisch legitimiert“ wird, fällt der stadt und den bauherren angesichts der massiven proteste gegen das versenken des denkmalgeschützten hauptbahnhofs nun auf, dass man einen posten in der planung vergessen hat: den des fachmanns/-frau für öffentlichkeitsarbeit und PR.

genau, ein solches milliardenprojekt von skylineveränderndem charakter hat nämlich durchaus das potential, den einen oder anderen bürger zu einem protestmarsch auf die straße zu locken – spätestens seit beginn der abrissarbeiten ist das auch im hintersten zipfle des ländle angekommen.

und die stadt reagiert: per ausschreibung sucht man einen pr-profi mit der fähigkeit „auch schwierige sachverhalte zielgruppenorientiert und leicht verständlich aufzubereiten“. wer sich angesprochen fühlt richte seine bewerbung bitte an:

Haupt- und Personalamt
der Landeshauptstadt Stuttgart

70161 Stuttgart

gut bezahlt wird die arbeit auch. in tarifgruppe 13 des TVöD winken schon in der ersten stufe über 3.000 euro. und die garantie eines spannenden berufsalltags bietet die stadt obendrein, explizit gehört die betreuung von „stuttgart21“ zu den hauptaufgaben des neuen PR-fachmanns.

also: noch ist zeit, in knapp 2 wochen endet die bewerbungsfrist… und bitte keine plastikhüllen!

beim „westen“ schreiben die pressesprecher ihre hohelieder selbst!

In medien, meinungen on 08/09/2010 at 10:42

„mega-erfolg“, „unglaublicher ansturm“, „riesen-erfolg“, „mehr als voll…

der autor des artikels „rock am stock ein mega-erfolg“ meinte es offensichtlich gut mit den veranstaltern einer ü60-party in isernlohn und lobte die organisatoren (campus symposium) und das ergebnis ihrer bemühungen sprichwörtlich über den klee. doch was auf den ersten blick wie eine harmlose lokal-meldung auf der nachrichtenseite „der westen“ aussieht, wurde in den kommentaren von user frank nur wenige stunden nach der einstellung des textes als krasse verquirlung von unabhängigem journalismus und der vertretung unternehmerischer unterdessen entlarvt…

der autor david lucas, seines zeichens schreiberling von 171 artikeln auf „der westen“, hat noch einen nebenjob. er ist pressesprecher des campus symposiums, also des veranstalters der „rock am stock“-party. das kann man sich in 10 sekunden zusammengooglen. in dieser funktion ist es schon weniger überraschend, dass sich seine kritik an den veranstaltern in sehr überschaubaren grenzen hält.

nun hört man ja oft genug, dass der lokal-journalismus unter mittelkürzungen leidet und das tagesgeschäft praktisch nur noch mit freien mitarbeitern abwickeln muss. dennoch, lieber westen: ein bisschen mehr fingerspitzengefühl bei der auswahl der beiträge bzw. deren autoren wäre wünschenswert – zumindest um den anschein seriösen und unabhängigen journalismus zu wahren. dem autor selbst muss man seinen kleinen moralischen irrweg vielleicht nachsehen. sein abi-zeugnis, das er in sein xing-profil (nur für mitglieder sichtbar) geladen hat, lässt anhand seines alters vermuten, dass herr lucas noch nicht über jahrzehntelange erfahrung im journalismus verfügt. also: alles halb so wild? mag für den autor gelten, für die zeitung mit sicherheit nicht.

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