stenographique

Archive for the ‘medien’ Category

Falsche Freunde: Dachlatten und Avantgarde

In medien on 17/01/2015 at 13:31
Ein Wasserhahn auf dem Misthaufen, ein königliches Schloss an der Spindtür, ein Kieferzapfen beim Zahnarzt. Homonyme wie „Hahn“, „Schloss“ oder „Kiefer“ stellen die Allermeisten zwar nicht ernsthaft vor sprachliche Herausforderungen, treiben mitunter aber kuriose Stilblüten aus – besonders, wenn die Bedeutungen weit weit auseinander liegen. Heute im Fokus: Die Volksstimme und das Bauhaus.

Die Regionalzeitung aus Sachsen-Anhalt berichtete gestern in ihrer Online-Ausgabe davon, dass die Kultusminister der Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen, Berlin, Niedersachsen und Baden-Württemberg nun auch den Bund und das Bundesland Rheinland-Pfalz bei der Planung der Feierlichkeiten an Bord haben. Bei der Frage, was die hohen Volksvertreter da eigentlich feiern wollen, kamen der Online- und Schlussredakteur der Volksstimme offenbar geringfügig durcheinander. Sie stolperten über das Homonym „Bauhaus“ und bebilderten einen Artikel über den Kunst- und Architekturstil mit seitenfüllend mit dem Logo der großen Baumarktkette, die gerade Winkelschleifer im Angebot hat. Ein gefundenes Häppchen für kleingeistige Klugscheißer wie stenographique…

Bauhaus oder Bauhaus

Bleibt zu hoffen, dass ich Montag noch zur Arbeit zurückkehren darf. Dem Angestellten einer Sprachschule ist ein Artikel über „Homophone“ schließlich vor nicht allzulanger Zeit im prüden Utah zum Verhängnis  geworden…

Vielen Dank an die aufmerksamen Leser Elke und Peter.

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„For You. Vor Ort. Vorbei“ – Headline-Recycling beim Handelsblatt

In medien on 01/03/2012 at 10:02

Um 8:03 trudelte heute wie gewohnt das tägliche „Handelsblatt Morning Briefing“ in den virtuellen Postkasten. Mit dabei: Die Must-Haves der Saison, wie Griechenland-Krise, EZB und streikende Angestellte. Dazwischen fand sich aber auch eine lobende Erwähnung einer namentlich nicht genannten „pfiffigen Redakteurin von Handelsblatt Online“ durch von Chefredakteur Gabor Steingart. Dieser war ganz aus dem Häuschen angesichts ihrer kreativen Wortspiele in der Überschrift mit einem Seitenhieb auf den vieldiskutierten neuen Slogan der Drogerie-Kette Schlecker: Aus „For You. Vor Ort.“ machte die pfiffige Redakteurin kurzerhand“ „For You. Vor Ort. Vorbei.“ – ein Brüller. Steingart dazu:

Bei Schlecker gibt es derzeit nichts zu lachen: Mehr als 10.000 Stellen fallen weg, jede zweite Filiale soll dicht gemacht werden. Der Insolvenzverwalter verordnet der Drogeriemarktkette einen drastischen Sparkurs und sucht nach einem Investor. Eine pfiffige Redakteurin von Handelsblatt Online passte den Werbespruch des Unternehmens der neuen, tristen Realität an: For you. Vor Ort. Vorbei.

Blöd nur, dass die Redakteurin dabei auf einen seit Wochen im Internet kursierenden Spruch zurückgegriffen hat. Eine Suche bei Google findet unter „For You. Vor Ort. Vorbei“ stattliche 138.000 Treffer. Auch Twitter listet Dutzende Treffer. Der urspüngliche Urheber lässt sich nach rund einem Monat kaum mehr ermitteln, früh dabei waren z.B. die Kommentatoren auf der Facebook-Seite der Financial times Deutschland (20.1.2012, 5:07 Uhr) und der brandmeldungen-Blog. Dann ging es Schlag auf Schlag und das heitere Wortspiel zur ernsten Situation bei Schlecker wurde ein geflügelter Satz. Die Wirtschaftswoche ließ sich sogar zu einer Klickstrecke der „lustigsten Tweets“ zur Schlecker-Pleite hinreißen – mit dabei: der Vorbei-Witz, logo. Die Verbreitung ging so weit, dass „For You“ am 20.1.2012 sogar in die Twitter Trending Topics, also die meistgenutzen Begriffe, einging.

Damit kannte wahrscheinlich das komplette gut informierte deutsche Internet die schwarzhumorige Wortschöpfung – mit einer Ausnahme: Gabor Steingart. Dass Redakteure und Blogger sich kreative Ideen borgen (nach Möglichkeit sogar mit Verweis zum Urheber) und heiß diskutierte Themen bei Twitter abschreiben, ist nichts unbedingt neues. Aber: Wenn man sich in einem naturgemäß faktenorientierten Newsletter schon zu einem persönlichen Lob hinreißen lässt, sollte doch wenigstens gewährleistet sein, dass es gerechtfertigt ist. Eine Googlesuche mit „Schlecker Pleite lustige Überschrift“ reicht da in meinen Augen noch nicht ganz.

siehe auch: Handelsblatt versucht sich als iPad2-Discounter – und mogelt mit den Fakten

Geburtstagskalender-App bei Facebook – die Kinder der Datenkrake

In medien on 07/02/2012 at 10:19

Dass Facebook in großem Stil unsere Benutzerdaten sammelt, Profile erstellt und auswertet, um mit minimalem Streuverlust Werbung im persönlichen Umfeld zu platzieren, ist nichts Neues. Facebook ist jedoch bei weitem nicht der einzige Jäger und Sammler im Geschäft mit den Daten. Dem geringen Entwicklungsaufwand sei Dank, tummeln sich mittlerweile Tausende windige „Dienstleister“ im überquellenden Nutzer-Pool des weltgrößten sozialen Netzwerks. Ein paar Worte zu den Risiken für Nutzer und dem Charme von Facebook-Apps für Datensammler:

Die Suche für ein prominentes Beispiel für diesen Text war zugegebenermaßen eine Sache von Sekunden: Fast täglich trudeln neue Anfragen für die App „Geburtstagskalender“ ein. Genausogut hätte man aber auch einen der überragenden Zeitvernichter auswählen können, bei dem man sinnvolle Dinge wie Diamanten suchen, Kreuworträtsel lösen oder Freunden auf die Schulter klopfen tun kann – Links spare ich mir, um den Quatsch nicht noch viraler zu machen.

Was tut also diese Geburtstagskalender-App so schlimmes? Zunächst einmal: Sie erfüllt keinerlei nützlichen Zweck! Facebook hat seit Menschengedenken eine Geburtstagserinnerungsfunktion eingebaut und synchronisiert alle eingetragenen Ehrentage bei Bedarf mit dem Smartphone oder Outlook. Wofür 2.200.000 Menschen monatlich (!) noch diese Facebook-App brauchen, bleibt schleierhaft!

Geburtstagskalender- App bei Facebook Genehmigungsanfrage nicht zulassenDafür ist sie ein Paradebeispiel für vollkommen zweckentbundenes und im funktionalen Sinne überflüssiges Datensammeln: Um seine Funktion zu erfüllen, bräuchte ein Geburtstagskalender bei Facebook genau zwei Profil-Freigaben: den Namen und das Geburtsdatum. Statt dessen grabbt diese App alle (!) verfügbaren Infos ab: Name, Profilbild, Geschlecht, Netzwerke, Nutzer-ID, Freundesliste, Wohnort, Heimatstadt, Familienmitglieder, Beziehungsstatus – und natürlich das Geburtsdatum. Darüber hinaus erlaubt man der Anwendung, die Nutzer direkt an ihre bei Facebook hinterlegte eMail-Adresse anzuschreiben, im eigenen Namen zu posten („Statusmeldungen, Notizen, Fotos und Videos“) und sogar auf die Daten zuzugreifen, wenn man die Anwendung nicht nutzt.

Immerhin bietet die App ausführliche Infos über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (Link) und die Datenschutzbedingungen (Link). Toller Service, denkt man – bis man auf die Links klickt: read on Den Rest des Beitrags lesen »

Friedhof der Gruscheltiere: Die letzten Wochen der VZ-Netzwerke?

In medien on 22/01/2012 at 17:11

Wer die ersten Anzeichen einer akuten Social-Media-Sucht aufweist (Sätze sind nur noch 140 Zeichen lang / allen Substantiven wird ein # vorangestellt / skypen mit dem Mitbewohner quer durchs Wohnzimmer), sollte sich einmal wieder mit seinem StudiVZ-Account einloggen: Dort ist nämlich Entspannung pur angesagt. Garantiert keine Neuigkeiten, die zu langen Surf-Eskapaden verführen. Überhaupt keine Notwendigkeit, ständig die Timeline zu aktualisieren, um nichts zu verpassen. Keinerlei störende Impulse, die kommunikativen Aufwand provozieren. Einfach nur Stille…

Der Verfall der Nutzerzahlen ist dabei ungefähr so linear, wie die Zahl der verbleibenden Wochenenden in diesem Jahr. Anlass genug für Martin Vogel, das unglaubliche Geschehen mit Zahlen des IVW graphisch aufzubereiten und in den Berliner Headquarters der Holtzbrinck-Tochter neuerliche Schweißausbrüche hervorzurufen:

Nach aktuellen Zahlen (Dezember 2011) kamen die VZ-Netzwerke Ende letzten Jahres nur noch auf 77,35 Millionen Visits (bei 1,24 Milliarden Page Impressions). Das ist eine ganze Menge. Zumindest für eine örtliche Schlachterei oder eine Kleingärtnervereinigung! Für ein soziales Netzwerk dagegen, das sich in der Selbstbeschreibung immer noch stolz als „Marktführer“ mit „weiterhin großem Erfolg“ beschreibt und lange Zeit sogar als Facebook-Killer betrachtet hat, könnte die Ohrfeige nicht schallender sein.

Richtig deutlich wird der Verfall erst beim direkten Vergleich mit den Vorjahreszahlen, anschnallen bitte: Im Dezember 2010 könnten die Berliner Gruschelanten noch satte 347,49 Millionen Visits (bei 8,57 Milliarden Page Impressions) verzeichnen. Auch ohne Adam Ries erkennt jeder, dass der Sand in der Lebensuhr der VZ-Netzwerke fast vollständig durchgerieselt ist. A propos Lebensuhr: unter wannstirbtstudivz.com wird das ganze wunderbar anschaulich zusammengefasst. Danach bleiben Holtzbrinck noch ca. 7 Wochen, 4 Tage, 0 Stunden und 16 Minuten für den finalen Turnaround, am 15. März wäre dann Schluss. Für das digitale Ei des Kolumbus. Für die soziale Erleuchtung. Bislang sieht es danach aus, als würde das „VZ“ vor dem „Netzwerke“ auch langfristig für „Verlustzone“ stehen. Das klingt immer noch freundlicher als „100-Millionen-Euro-Grab“! read on Den Rest des Beitrags lesen »

Sex, Lustschmerz und Quickies – WELTBILD mischt wieder im Geschäft mit der Liebe mit

In medien, meinungen on 05/01/2012 at 12:05

Noch keine Woche ist es her, dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch gegenüber der neugierigen Presse folgendes verkündete: „Die Geschäftsführung von Weltbild verbannt seit Wochen lückenlos dem katholischen Verständnis widersprechende Schriften.“ Damit waren neben einigen esoterischen Schriften insbesondere Erotik-Titel und Soft-Pornos gemeint.

Zollitsch ist eine Art oberster Moralist im Weltbild-Konzern, der mehrheitlich zwölf Diözesen der Katholischen Kirche gehört. Mit seiner Stellungnahme zum Beginn des neuen Jahres wollte er Ordnung in die Gerüchte um den überhasteten Verkauf der Verlagsgruppe bringen und eine klare Position zum Verkauf „anstößiger“ Bücher und Filme beziehen. Dabei hat er jedoch übersehen, dass die Schwestermarken Weltbild und Hugendubel mit ihrem Einstieg beim Online-Kiosk „Pubbles“ über Nacht erneut zu Händlern im Geschäft mit der Lust geworden sind.

Auf stattliche 376 Treffer bei der Suche nach „Erotik“ bringt es der E-Book-Kiosk, an dem Weltbild nun mit 50% beteiligt ist. Darunter so wohlklingende Titel wie „Lustnächte“ aus dem Plaisir d’Amour Verlag, „Sex am Arbeitsplatz„, die „unanständige“ Homo-Erotik-Story „Jagdfieber„, „Erotik Anal“ von einer Autorin namens Angelica Allure oder „Quickies 26 – Zimmerservice und andere scharfe Stories„. Mit der Weltanschauung der Katholischen Kirche dürfte da am ehesten noch der Titel die „Sexuelle Disziplinierung der Frau“ in Einklang stehen.

Zum Thema Sex bietet Weltbild weitere 1724 Titel an (darunter Highlights wie „Sexhungrige Hausfrauen – Männer zum Dessert„: „Hier dreht sich alles um nimmersatte Hausfrauen, die ihren intensiven Sextrieb hemmungslos ausleben! Diese lustvollen Luder nehmen sich ganz einfach das, wonach sich ihr Unterleib sehnt…“) – man könnte ewig so weiter machen!

Was lustig klingt und für einen kleinen Moment der Heiterkeit und Schadensfreude sorgt, hat auch eine ernsthafte Seite: Tradierte Handelsunternehmen müssen bei der Akquisition und Erschließung neuer Geschäftsfelder extreme Vorsicht walten lassen: Weltbild hat mit dem Einstieg bei Pubbles definitiv einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, wird aber von den Konsequenzen seiner speziellen Eigentumsstruktur derzeit eingeholt. read on Den Rest des Beitrags lesen »

Warum Günther Jauch keinen „liebevollen Kontakt“ mehr zu seiner Mutter pflegt

In medien on 04/07/2011 at 08:19

Enten sind in der Welt von Yellow- und People-Press keine Seltenheit und in aller Regel nicht einmal erwähnenswert. Mitunter gelingt es den Best-Ager-Blättern aber, besonders kuriose Meldungen zu kreieren. Jüngstes Beispiel: Die Programmzeitschrift „die 2„. Das zur WAZ-Gruppe gehörige Blatt hatte kürzlich eine gewohnt prosaische Fotoreportage über Deutschlands beliebtesten Schwiegersohn der Kernzielgruppe von „die 2“ gedruckt und darin in blumigen Worten beschrieben, wie es um die familiären Verhältnisse im Hause Günther Jauch stehe. Unter anderem lobte die Zeitschrift den „bis heute liebevollen Kontakt“ zu seiner Mutter Ursula, die in einer Villa in der Nähe des Sohnes bei Potsdam lebe.

Das sieht der Millionärs-Moderator jedoch anders und setzte erfolgreich eine Unterlassung gegen den WAZ-Konzern durch. Doch damit nicht genug der Schmach: Nun muss „die Zwei“ außerdem eine Gegendarstellung drucken, in der Jauch erklärt, wie das Verhältnis zu seiner Mutter tatsächlich beschaffen ist. Und die ist an Skurilität nur schwer zu überbieten…

So erklärt Jauch die Hintergründe seiner juristischen Bemühungen gegen die Behaupten der Zeitschrift wie folgt: „Ich pflege zu meiner Mutter keinen Kontakt mehr. Sie lebt auch nicht in einem Altersheim unweit meiner Villa in Potsdam. Vielmehr ist meine Mutter vor sechs Jahren verstorben.“ Der Branchendienst Meedia hat bei der Chefredaktion um eine Stellungsnahme gebeten, sei aber abgewiesen worden. Stattdessen erklärte der Verlag, es sei „bedauerlicherweise ein Fehler unterlaufen, den wir selbstverständlich korrigieren werden“. Eine Wahl bleibt den WAZ-Leuten schließlich auch nicht, wenn Jauchs Anwälte erfolgreich aus allen juristischen Rohren feuern…

Zu „die 2“: Das TV-Programmheft landet wöchentlich Samstags beim Kiosk und zeichnet sich laut der WAZ-Gruppe durch seinen frühen Erscheinungstermin aus. Das Durchschnittsalter der knapp 300.000 (und zu 80% weiblichen) Leser liegt bei 56,6 Jahren. Wer wie Jauch auch einmal eine Stellungsnahme im Blatt abdrucken lassen möchte, ist bei einer ganzseitigen Farb-Anzeige mit 4.040 EUR dabei.

Medien-Alarm: Viele EHEC-Tote genesen nie mehr

In medien on 13/06/2011 at 11:24

Es wäre traurig, sich darüber lustig zu machen. Ganz ignorieren kann man den verbalen Faux-Pas der Nachrichtenagentur DPA und Dutzender vermeintlicher Leitmedien allerdings genauso wenig: Unter der Überschrift „Viele EHEC-Tote werden nicht mehr ganz gesund“ missversteht die Agentur eine Aussage des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, die dieser gestern im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ zu Protokoll gegeben hatte.

Ganz im Stile eines investigativen Spitzenportals übernimmt Fokus Online die Meldung ungeprüft (und vermutlich automatisiert) in den Nachrichtenticker. Das Originalzitat des SPD-Politikers lautete „Etwa 100 Patienten sind so stark nierengeschädigt, dass sie ein Spenderorgan brauchen oder lebenslang zur Dauerdialyse müssen“ – inhaltlich vermutlich unstrittig und eigentlich auch nicht besonders schwer zu verstehen.

Allein steht der Fokus mit dieser peinlichen Blind-Kopie des DPA-Tickers jedoch bei weitem nicht. Die Meldung wurde z.B. auch auf die Stern-Website gespiegelt. Außerdem findet sie sich bei n-tv, nordbayern.de, maerkische-allgemeine.de, pforzheimer zeitungaugsburger-allgemeine, südkurier und viele weitere. Google listet mittlerweile knapp 600 Kopien des Titels. Der unglückliche Umstand eines Feiertags am Tag nach der DPA-Meldung führt anscheinend in den heute völlig verwaisten Online-Redaktionen dazu, dass die Meldung volle zwei Tage online steht (Sonntag, 12.6. und Montag, 13.6.). Bleibt zu hoffen, dass die Redakteure nach ihrem erholsamen langen Wochenende den Fehler wenigstens finden und beheben – selbiges gilt natürlich auch für den Urheber der Meldung bei DPA. In jedem Fall fließt damit wieder reichlich Wasser auf die Mühlen der Qualitätsjournalismus-Debatte.

siehe auch: breitbach.info / opalkatze

Sparkassen-TV zur Prime-Time: Die Dauerwerbesendung „17 Meter“

In marketing, medien on 12/06/2011 at 12:02

Kindsköpfe auf großer Fahrt: Gestern Abend durften sich die beiden ewig pubertierenden MTV-Allzweckwaffen Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt tatsächlich einem breiten Publikum auf Pro7 präsentieren. Mitgebracht hatten sie eine Show, die nur auf den ersten Blick aus den besten Elementen von Jackass, Schlag den Raab, Wetten-Dass und dem Tigerentenclub zusammengeklaut war. Die schlimme Vermutung: Sie stammt in Wahrheit aus der Feder der Sparkassen-Werbeagentur „Jung von Matt/Spree“!

Die Berliner Agentur setzt derzeit neue Maßstäbe in der Kategorie „360°-Werbekampagnen“: Integrierte Werbeformen mit Print, TV-Spots und Radio sind mittlerweile ein alter Hut. Bei etwas hipperen Aktionen kommen noch virale Spots und ein bisschen Crowdsourcing dazu. Was es aber noch nie (ohne eine störende „Dauerwerbesendung“-Einblendung) gab: Eine TV-Show zur Prime-Time auf dem beliebtesten Sender der Zielgruppe 14-29 ganz im Stile der laufenden Werbekampagne. Klingt aberwitzig und verschwörerisch? Die Fakten sprechen für sich:

  • Das Moderatorenteam: Die Beavis und Butt-Heads des deutschen Fernsehens wurden aufgrund Ihrer beißenden Rhetorik und ihrem pubertären Witz sowohl von der Sparkasse als auch von Pro7 eingekauft – zeitgleich!
  • Die Zielgruppenansprache: Joko und Klaas sorgen für die Sparkassen-Banking-Apps („Giro sucht Hero“) und die Pro7-Show „17 Meter“ für Lacher, bei denen sich 15jährige die Baggypants vollpieseln dürften. Respektlos, mit Siebtklässler-Humor und Dauergrinsen sind sie derzeit DIE Vorbilder der Smartphone-Generation. Das passt gut bei Pro7, das passt gut bei der Sparkasse!
  • Das Showkonzept: Einst ersonnen von den Machern des Tigerentenclubs hat es das 2-Moderatoren-2-Teams-Prinzip jetzt auch in die „Giro-sucht-Hero“-Kampagne der Sparkasse und die neue Prime-Time-Hoffnung von Pro7 geschafft. Joko ist Dortmund, Klaas ist Schalke. Wer gewinnt mit seinem Team die „17 Meter“? Auge um Auge, Maus gegen Maus.
  • Der Farbcode: Pommes, Sparkasse, 17 Meter – rot und weiß sind deine Farben. Bei jeder Gelegenheit wurde gestern der Sendesaal in die Sparkassen-Farben getaucht. Wenn’s um’s Geld geht – 17 Meter!
  • Die Werbeblöcke: In den kurzen Pausen auf den Gipfeln der Spannungskurven (sic!) der Show, wurden die gespannten Zuschauer keineswegs für einen kurzen Moment von den moderierenden Bankangestellten befreit, im Gegenteil: weiterlesen Den Rest des Beitrags lesen »

Handelsblatt versucht sich als iPad2-Discounter – und mogelt mit den Fakten

In marketing, medien on 21/04/2011 at 19:15

Der Abo-Service des Handelsblatts kündigte heute an, uns Lesern und potentiellen Abonnenten ein ganz besonderes Schmankerl zu Ostern präsentieren zu können: Ein 2-Jahres-Abo inkl. iPad2 bei einer Ersparnis von rund 1.200 EUR. Die Meldung wurde erwartungsgemäß schnell aufgegriffen und u.a. über ibusiness und turi2 verbreitet.

Doch gerade, wenn es um das iPad2 geht, ist nicht alles Gold, was glänzt. Ausreichend Anlass also, das Angebot der Verlagsgruppe Handelsblatt einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wenn jemand bereit ist, 1.111 EUR für’s Zeitungslesen zu investieren, sollte man annehmen, dass er den Deal auf Herz und Nieren prüft. Bei dem Ostergeschenk des Handelsblatts ist das bisher nicht passiert. Wir legen also die OP-Schürze an, zücken das Skalpell und schälen die glänzende Schale vom Osterei.

Die Anzeige addiert 4 Posten zu einer Summe von 2.316,98 EUR, aus der sich eine „Ersparnis“ von über 1.200 EUR ergeben soll. Einer dieser Posten beträgt 0,00 EUR für die iPad-App und ist daher für das Zahlenspiel unerheblich. Die zweite Angabe bezieht sich auf den Gerätepreis des iPad2. Dieser wird mit 579 EUR in der 32GB WiFi-Variante angegeben – das entspricht dem Listenpreis von Apple, ist also auch unkritisch. Spannend wird es bei den verbleibenden Kostenpunkten, die aus der Handelsblatt-eigenen Sphäre stammen. Hier wurde tief in die Trickkiste gegriffen und getreu dem Motto „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ ein Osterei präsentiert, das ohne die erwähnte glänzende Schale heftig zu stinken beginnt.

Was an diesem Ei faul ist? Zunächst wird der finanzielle Gegenwert eines Handelsblatt-Zweijahres-Abos mit 1.098 EUR angegeben, das sind 549 EUR pro Jahr. So steht das zwar auch in der Preisliste der Zeitung, allerdings handelt es sich hierbei um einen rein virtuellen Preis, da jedes Abo zusammen mit einer Bargeld-Prämie von 225 EUR pro Jahr angeboten wird. Der tatsächliche Preis eines Jahresabos liegt damit bei 324 EUR, oder für zwei Jahre bei 648 EUR. [Edit: siehe dazu die Kommentare von „derChris“, „Uli“ und „Stephen“ sowie die Updates am Ende des Artikels.]

Weiterhin führt die Anzeige das ePaper der Handelsblatt-Ausgabe mit einem Preis von 639,98 EUR auf. Hier offenbart sich eine frappierende Rechenschwäche des zuständigen Autors: klickstu Den Rest des Beitrags lesen »

Guttenbergs Facebook-Fake und der Tipping Point

In medien, meinungen on 08/03/2011 at 08:54

Noch einmal KTG: Nachdem in den vergangenen Tagen nur wenige Hundert Fans ihre guttiphile Meinung auf den Unterstützer-Demos in Berlin und Hamburg geäußert hatten, steigt die Verwunderung über knapp 600.000 Anhänger, die die beiden großen Pro-Guttenberg Gruppen („Wir wollen Guttenberg zurück“ und „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg„) vereinen. Im Stundentakt werden neue Mutmaßungen und Interpretationen aus den Kommentarspalten der Blogs und Newsportale gezaubert: Sind die Facebook-Fans am Ende gar nichts wert? Ist die Hoffnung auf eine politischere Jugend völlig unbegründet? Ist die Fanpage gar ein Machwerk gewiefter PR- und Social-Web-Agenturen?

Um sich nicht im Geflecht aus Gerüchten und Meinungen zu verlieren, konzentrieren wir uns auf den letzten Aspekt. Eine kurze Chronik: Zunächst meldete sich Medienstratege Peter Berger zu Wort, wühlte in seinem Erfahrungsschatz und bekundete, dass Guttenberg im unpolitischen Deutschland in drei Tagen niemals mehr Fans rekrutieren könne als DSDS in 9 Jahren. Die vage, aber plakative Vermutung untermauert er mit ausgewählten Indizien, die darauf hindeuten könnten, dass ein Teil der Unterstützung aus dem Netz elektronisch erzeugt worden sein könnte (Fans ohne Freunde und Interessen / kopierte Kommentare, sog. Sockenpuppen / unbekannter Betreiber der Fanpage / etc.). Auf den konstanten Zuwachs von Fans – auch zu nächtlicher Stunde – fokussiert weiterhin der (mir gänzlich unbekannte) Derivatehändler Kristjan Schmidt, der hierin einen klaren Hinweis auf einen künstlich erzeugten Unterstützerstrom sieht. Wenig später hat sich auch Netzaktivist Sascha Lobo in die Diskussion eingeschaltet und die „Facebook Fake Finding Force“ gegründet, die durch die Beteiligung der Netzcommunity weitere Indizien für eine gezielte Manipulation liefern soll. Die Diskussion endete relativ abrupt mit dem exklusiven Einblick von Rhein-Zeitungs-Blogger Marcus Schwarze in die internen Statistiken der Facebook-Fanpage. Klares Ergebnis: Es gibt keine Indizien für gezielte Manipulation. Das muss nicht heißen, dass es keine gegeben hat bzw. gibt – Schwarze bezeichnet sich selbst als „kein Experte“ auf dem Gebiet – aber es hat erheblich zur Beruhigung der Debatte beigetragen. Womit wir zum eigentlichen Thema kommen…

Denn was hier vermutet wurde, ist gelebter Alltag in der Auftragsakquise von Social-Media-Agenturen: Fans werden den werbetreibenden Kunden als schlichtes „Klickvieh“ angeboten und im Zehntausenderpaket meistbietend verschachert. Im Zuge einer performanceabhängigen Entlohnung der Agenturen greifen sie nicht selten zu Prinzipien und Technologien, um ein Thema aktiv zu befeuern – sei es mit Fans, mit Seitenaufrufen oder mit Kommentaren. Der Experte spricht dann von Astroturfing, einem Ansatz, der eine basisdemokratische und spontane Graswurzelbewegung vortäuschen soll. klickstu Den Rest des Beitrags lesen »

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