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Mysteriöse Experten in der Werbung: Wer ist Prof. Schlieper?

In meinungen on 07/02/2014 at 20:33

Jeden Morgen teilt nur ein einziger Mensch den vielleicht intimsten Moment des Tages mit mir: Nicht die Freundin, nicht der Sohn – sondern Prof. Dr. P. Schlieper lächelt mich tagtäglich unter der Dusche an. Vom Duschgel-Etikett herunter. In seinem weißen Kittel. Mit dem Namensschild, auf dem etwas steht wie „Prof. Dr. P. Schlieper, Experte“. Aber wer ist der charmante Mittsechziger?

 

Auch morgens immer gute drauf: Der mysteriöse Prof. Dr. P. Schlieper

Auch morgens immer gut drauf: Der mysteriöse Prof. Dr. P. Schlieper

Nachdem wir dutzende verhältnismäßig ereignisarme Morgen miteinander verbracht haben – immer Auge in Auge – kam zwangsläufig irgendwann der Punkt, an dem die Beziehung vertieft und mehr über den sympatischen Weißkittel in Erfahrung gebracht werden musste. Also los, Google wird’s schon wissen! Die ersten Treffer verraten, dass Prof. Schlieper Pharmakologe und Berater der Salthouse-Forschung ist. Salthouse wiederum stellt Pflege- und Kosmetikprodukte auf Basis von „Totes Meer Salz“ her, die von Murnauer vertrieben werden – so auch mein Duschgel.

Salthouse, auf deren Unternehmensseite P. Schlieper sogar einen eigenen Navigationspunkt bekommen hat, verrät weiter, dass der Experte eine Lehrtätigkeit an der Uni Düsseldorf ausübt und mehrfach Gastprofessor in Südamerika war. Daneben viel Blasen und Schaum: „…hoch angesehen… Experte in… mit seiner Expertise… hohe fachliche Kompetenz…“ Kurzum: Ein Lebenslauf aus dem Bilderbuch.

All das klingt verheißungsvoll und so versuche ich mehr über Lehre und Forschung von Prof. Schlieper herauszufinden. Erste Anlaufstelle: Die Uni Düsseldorf, wo er der Salthouse-Seite zufolge eine Lehrtätigkeit ausübt. Es finden sich Dr. Daniel Schlieper (Biochemische Pflanzenphysiologie), Dr. Dr. Jörg W. Schlieper (mittlerweile Zahnarzt in Hamburg) und Dr. Henkrik Schlieper (Französische Literaturwissenschaft). Keiner davon hat einen Vornamen, der mit „P“ beginnt, keiner ist Pharmakologe. Etwas verwirrt nehme ich Kontakt zur Pharmazie an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität auf. Eine Woche später gibt es immer noch keine Antwort aus dem Sekretariat. Ist die Anfrage nicht wichtig genug? Die Ansprechpartnerin im Urlaub? Oder hat hier auch noch nie jemand von Prof. Dr. P. Schlieper gehört?! read on

Aus der Verwirrung wird langsam eine böse Vorahnung. Egal: Mund abwischen, weitergooglen! Der nächste Anhaltspunkt ist leider reichlich vage: Prof. Schlieper hat dem Vernehmen nach mehrere Gastprofessuren in Südamerika ausgeübt. Dutzende Suchanfragen auf deutsch, englisch und spanisch später ein einziger sinnvoller Treffer – der aber verheißungsvoll klingt: Prof. Dr. P. Schlieper, Lehrbeauftragter an der TH Nürnberg. Nun liegt Nürnberg streng geographisch betrachtet nicht unmittelbar in Südamerika, aber immerhin scheint das die erste akademische Tätigkeit Schliepers zu sein. Irritierend nur, dass er im Fach Betriebswirtschaftslehre auftaucht. Ein Mann mit vielen Fähigkeiten? Leider nein, wieder kein Treffer. Kann es wirklich sein, dass ein laut Salthouse derart profilierter Experte absolut keinerlei wissenschaftliche Fußabdrücke hinterlassen hat? Keine Dissertations- oder Habilitationsschrift, keine Fachpublikationen in Journals, keine Mitgliedschaften oder Tätigkeiten als Reviewer?

Last exit: Die Nachfrage bei seinem Arbeitgeber Salthouse. Über die Facebookseite und das Kontaktformular auf der Website bitte ich um eine Kontaktmöglichkeit oder zumindest Hintergrundinfos zum Werdegang Schliepers, um meine stetig heraufkriechenden Zweifel an der Figur zu bekämpfen. Ein paar Tage später hake ich noch einmal nach, setze eine Frist. Und auch die verstreicht ohne jedes Lebenszeichen von Schlieper, Salthouse oder Murnauer. Auch ohne endgültige Gewissheit gehe ich als einfacher Verbraucher jetzt davon aus, dass Prof. Dr. P. Schlieper nicht Lehrbeauftragter der Uni Düsseldorf ist, vllt. noch nie in Südamerika war und nur maximal unwesentlich mehr Ahnung von Pharmakologie hat als ich.

Warum also das Ganze? Professor Schlieper ist das Sterotyp und Sinnbild von Experten in der Werbung medizinischer und kosmetischer Produkte: Ob Salthouse, Alpecin oder Dr. Best: Weißkittel-Werbung ist „in“, die Glaubwürdigkeit von promovierten oder habilitierten Experten zwischen Reagenzgläsern, die in edelstählernen Laboren unbezeichnete Achsen verschieben und bedächtig durchs Fernsehbild schreiten, ist ungebrochen. Da stört es den geneigten Verbraucher kaum, dass die Aussagen meist einseitig formuliert, halbseiden fundiert und unmöglich nachprüfbar sind.

Zum Abschluss ein persönlicher Appell an den Protagonisten: Lieber Herr Schlieper, sollte Ihnen hier Unrecht getan werden, melden Sie sich bitte – Platz für Klarstellungen ist in der kleinsten Hütte. Und falls Ihr Gesicht aus einem Photostock-Bild heraus auf einen weißen Kittel geshopt wurde, gerne auch. Und wenn Ihnen der (anderswo nachgewiesene) Beschiss mit intransparenten Experten in medizinischer und kosmetischer Werbung auch gegen den Strich geht, am Allerliebsten! Bis bald…

EDIT 1: (7.2.14 / 22:40 Uhr): Ein Hoch auf die Crowd-Power und Asche auf mein Haupt: Was Google nicht liefern und ich nicht finden konnte, hat eine findige Leserin hervorgekramt: Einen Lebenslauf von Schlieper bei LinkedIn – Chapeau, Gudi! Damit kennen wir die wichtigsten Eckdaten aus dem Leben des Salthouse-Experten. Und, dass das „P“ für „Peter“ steht. Ich ziehe meine Zweifel zurück und wünschte, alle Werbe-Experten in weißen Kitteln wären ähnlich profiliert. Herr Schlieper, bis morgen früh unter der Dusche!

EDIT 2 (10.2.14 / 10:30 Uhr): Überraschend hat sich nun (nach schlappen 12 Tagen) doch noch das Unternehmen Salthouse gemeldet. Schade nur: Ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter mit der Mailadresse „social.media[at]salthouse.de“ hat die erbetenen „Informationen zum Werdegang von Herrn Prof. Dr. Schlieper“ leider 1:1 von der eigenen Homepage gecopypastet. Mehr weiß man hier leider offenbar auch nicht dazu. Danke, das wäre doch nicht nötig gewesen! Schön zu wissen, dass der Experte nicht nur Kunden, sondern auch dem eigenen Arbeitgeber kaum bekannt zu sein scheint.

Edit 3 (29.4.14 / 10:00 Uhr): Prof. Schlieper meldet sich über die Kommentarfunktion mit einem bemerkenswerten Beitrag zu Wort. Von dessen Echtheit gehe ich aus: Zum einen wird eine berufliche Mailadresse angegeben, die online nicht zu finden ist. Zum anderen hat sich wenige Stunden später das Unternehmen Salthouse gemeldet und auf den Kommentar Schliepers Bezug genommen.

Edit 4 (29.4.14 / 16:00 Uhr): Mehrere Leser berichten, dass das LinkedIn-Profil, das wir als einzige eindeutige Referenz finden konnten, nun nicht mehr verfügbar ist. Sollte sich das bestätigen und nicht auf eine geänderte Privatsphäre-Einstellung zurückgehen, ginge die Geschichte wieder von vorn los, wir stünden wieder bei Null.

  1. Es freut mich, dass ich trotz alledem immer noch mit Ihnen unter der Dusche stehe, – allerdings, eine Dame wäre mir tausendmal lieber gewesen, – und wenn schon, dann muss ich halt wieder erkennen, dass es immer wieder Menschen gibt, sog. Besserwisser, Schnellschiesser, Profilsüchtige, und dergleichen, die nicht in der Lage sind, eine vernünftige Recherche zu vollziehen, sondern mal eben nicht-fundierte, ironische Floskeln in die Welt setzen, nur weil es gerade populär ist und in das allgemeine Profil einer Anti-Pharma-Anti-Kosmetik- Kampagne oder auch Plagiatsaffäre (und da war doch schon mal was in Düsseldorf…) passt. Durch Weglassen klarer Fakten und Hinzufügen erfundener Details wird ein Image kreiert, das die Popularität eines „Stenographique“ steigern soll. Toll! Gratuliere! Bei der späten Selbsterkenntnis reicht dann die Asche auf dem Haupt auch nicht mehr. Der Klamauk ist erst mal raus!
    Leider sind die Salthouse Produkte noch nicht in der Lage, das Gehirn von solchen Menschen rein und klar zu waschen. Aber auch daran wird gearbeitet.

    Prof. Dr. P. Schlieper

    • Lieber Herr Prof. Dr. Schlieper,

      herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung, über die ich mich sehr freue! Außerdem freut mich, dass es Ihnen gelungen ist, den – zumindest streckenweise – ironischen Ton im Artikel zu erkennen. Bei aller Heiterkeit ist es jedoch überraschend, dass Sie keinerlei inhaltlichen Bezug auf die Diskussion nehmen, z.B.

      – Wie kann es sein, dass Ihr Arbeitgeber Salthouse – gerade angesichts der genannten Skandale – so wenig Energie in ein aussagekräftiges Profil seines Aushängeschilds investiert? Sind da nicht kritische Stimmen wie diese zu erwarten gewesen?
      – Warum bleiben Anfragen bei Salthouse auf diversen Kanälen über Wochen oder gar vollends unbeantwortet?
      – Mit ihrem breiten angelegten Werbeauftritt werden Sie zunehmend zu einer Person des öffentlichen Lebens. Wären da eigene Fußabdrücke im Internet nicht hilfreich, um Missverständnisse zu vermeiden und eine Diskussionsplattform zu bieten?

      Auch, welche „klaren Fakten“ weggelassen sein sollen, wäre interessant. Vielleicht finden Sie ja erneut Gelegenheit, Antworten zu liefern – wir würden uns sehr freuen!

      P.S. An der Forschung zur Heilung meiner von Ihnen diagnostizierten Profilsucht wäre ich sehr interessiert.
      P.P.S. Seien Sie unbesorgt: Der stenographique-Blog ist nicht populär, will es nicht sein und wird es vermutlich auch nie werden.

  2. Und nun bin ich ja gespannt, ob mein Kommentar freigeschaltet wird.

    Peter Schlieper

  3. Interessanter Beitrag! Noch interessantere Antwort vom vermeintlichen Opfer!!
    Ich bin erschüttert und wundere mich sehr über die Kommunikationsweise eines promovierten und habilitierten Wissenschaftlers, der impulshaft und damit völlig übereifrig reagiert, ohne sich das Ausmaß, das ein solches Kommentar auslösen kann, bewusst zu machen. Herr Schlieper, Sie verrennen sich auf so vielen Ebenen, die sexistische ist nur eine davon – so sollte sich der Repräsentant eines Pharma-Konzerns nicht darstellen.
    Ich für meinen Teil war treue Kundin, vom Duschgel über Haarpflegeprodukte bis hin zum Badesalz, lege jedoch Wert auf sympathische Unternehmen hinter den Produkten. Vielleicht sollte ich nun auf eine andere Marke setzen…

  4. Eine Suche bei Google Scholar gibt eine Reihe sehr guter Publikationen in den fruehen 80er Jahren.
    Drug-induced zeta potential changes in liposomes studied by laser doppler spectroscopy
    P Schlieper, PK Medda, R Kaufmann – Biochimica et Biophysica Acta (BBA) …, 1981 – Elsevier
    The effect of different surface chemical groups on drug binding to liposomes
    P Schlieper, R Steiner – Chemistry and physics of lipids, 1983 – Elsevier
    Drug-induced surface potential changes of lipid vesicles and the role of calcium
    P Schlieper, R Steiner – Biochemical pharmacology, 1983 – Elsevier

  5. Was bedeutet „Chapeau, Gudi!“? Wo finde ich diesen Lebenslauf? Ist es vielleicht auch dieser Schlieper?: http://circ.ahajournals.org/content/123/17/1891.full
    nämlich dieser: http://www.aerzteblatt.de/archiv/274
    Es bleibt aber dabei, dass der keinen Lehrauftrag in Düsseldorf hat?

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