stenographique

russland: fliegender esel als tourismus-marketing

In marketing on 26/07/2010 at 21:43

das treiben der werbe- und marketingfachleute nimmt mitunter bizarre formen an. in dieser hinsicht stechen gerade out-of-home-formate häufig hervor, die versuchen, mit schock /thrill /entrüstung zu punkten. dabei konfrontieren sie menschen auf diese weise auch mit den niederträchtigen wirrungen der psyche des „homo sapiens“. bei solchen werbeaktionen bleibt eigentlich nur noch „homo“ übrig, eine physiognomisch dem modernen menschen ähnliche lebensform. von „sapiens“ (=wissend, aufgeklärt, entwickelt) oft weit und breit keine spur mehr.

lange rede – kurzer sinn: es geht um einen ganz konkreten fall, der sich letzte woche in südrussland ereignet hat. mittlerweile kann man nach 20 jahren marktwirtschaft nicht mehr behaupten, dass dort der kapitalismus seine ersten gehversuche unternähme. für modernes out-of-home-advertising scheint das aber zu gelten. was war passiert?

azov ist eine südrussische provinzstadt mit rund 80.000 einwohnern am schwarzen meer. obwohl die stadt in einigen ex-UDSSR-staaten schon als urlaubs-geheimtipp gilt, lässt der finanziell hochinteressante massentourismus noch auf sich warten. um diesen zustand zu verändern, hat sich ein kleines funsport-unternehmen eine marketing-„kampagne“ ausgedacht, mit der die vorzüge des unternehmens und der region als wassersport-mekka gepriesen werden sollen. doch das budget war knapp und man musste zu radikalen mitteln greifen…

heraus gekommen ist: ein esel im para-sailer. was fast zu absurd klingt, um es glauben zu können, ist (wie es sich für eine virale aktion gehört) mit verwackelter videokamera festgehalten und bei youtube verfügbar. hier der clip, soviel voyeurismus ist erlaubt:

klickstu

jetzt wird (hoffentlich) ersichtlich, was ich am anfang sagen wollte: ich bin mir sicher, dass viele gerade grinsend vor dem computer saßen und schon auf den weiterleiten-button geklickt haben… aber nicht, um eine tierschutzorganisation zu alarmieren, sondern um bei den kumpels zwischen zwei schäpsen mit einem oberkrassen video punkten zu können. ist das normal und menschlich? oder sollte man sich schämen, wenn man sich am leid eines tieres erfreut? diverse tierschützer sind sich einig: dem esel hat der kostenlose flug am seil keinen spaß bereitet – man läuft sturm gegen die „tierschänder“ und „profitgeier“.

die reaktionen im internet lassen erahnen: selbst wenn der fliegende esel für rund eine halbe stunde die lustigen russen am schwarzmeerstrand für einen moment noch lustiger gemacht hat – die buchungszahlen für einen azov-urlaub dürften sich auch weiterhin in einem überschaubaren rahmen bewegen. hier ist eingetreten, wovor beim einsatz viraler kampagnen oft gewarnt wird: die message richtet sich gegen den versender. konkret: statt himmelhochjauzender internationaler berichterstattung ernten die betreiber der surf- und parasailschule nun nicht nur einen schrei der empörung in russland und der welt… hinzu kommt, dass tierquälerei auch in russland mit bis zu 2 jahren haft belohnt wird.

unter dem strich: ein eintrag für die kategorie „how not to advertise“.

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und noch ein paar fragen:

  • ist es möglich, dass die kampagne in wirklichkeit von „russia today“ angestoßen wurde? der provider scheint auf jeden fall das material exklusiv zu haben und erhält seitdem millionen klicks bei youtube…
  • könnte ein tierpsychologe die bewegungen des tieres auch als freudige erregung deuten?
  • wo ist eigentlich shrek?

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