stenographique

der leser-scout: bild-zeitung auf dem weg zum social network?

In medien on 19/07/2010 at 18:56

das deutsche leitmedium nummer 1 hat sich zum wiederholten mal vom erfolg sozialer netzwerke wie facebook oder wer-kennt-wen inspirieren lassen und bietet seinen lesern seit heute eine neue möglichkeit der partizipation: den leser-scout.

nach dem leserreporter, dem videoreporter und dem hobby-gerichtsreporter („juristische kenntnisse nicht zwingend erforderlich“) nun also der leser-scout. dieser unterscheidet sich von den beiden erstgenannten, dadurch dass die teilnehmer keinerlei rechte am eingesandten material halten müssen. im gegenteil: die bild-zeitung fordert die community auf, auch links von lustigen oder spektakulären videos in die springer-zentrale zu morsen. ein weiteres beispiel für den scout-job: „das kann die information sein, dass sie einen berühmten fußballtrainer ganz zufällig in genau der stadt gesehen haben, deren verein gerade einen trainer sucht“.

im ersten moment war meine reaktion: alles klar, guter zug. so haben die schwer beschäftigten bild-redakteure  noch mehr zeit, den perfekten rot-ton für die nächste massaker-foto-montage abzumischen. oder dafür, minderjährige straftäter in social networks zu enttarnen. ungeübten stümpern die recherche zu überlassen, erscheint mir wie eine logische konsequenz der blatt-politik, der nächste konsequente schritt zu einem maximal schranzigem zeitungsmedium.

dann der zweite gedanke: die strategie ist gut, richtig gut sogar. der durchschnittliche bild-leser hat nämlich einen extrem ausgeprägten drang, die frisch eingesogene augenwischerei zu kommentieren und sich als „liker“ bei facebook zu outen. seit bild vor wenigen wochen den entsprechenden button auf seiner seite hinzugefügt hat, poppen auch in meinen facebook-meldungen immer öfter meldungen à la „ulf-uwe gefällt bild.de/tittenvonseiteeins“. binnen stunden trudeln unter einem durchschnittlich spannenden artikel auf bild.de in der regel hunderte kommentare ein. und social bookmarks, likes, tweets etc. kommen noch dazu! in nur vier jahren haben bild-leser aus freien stücken und ohne vergütung fast 700.000 fotos in die springer-redaktion geschickt (quelle: meedia). klickstu

diesem drang der user gibt die bild-zeitung einfach nur nach. sie instrumentalisiert die leser als billiges recherche-volk, das für weit weniger als freie mitarbeiter oder redaktionspraktikanten voller hingabe das netz nach neuen fundstücken durchforstet. der lohn der arbeit: 20 euro. aber nur, wenn der tipp nach intensiver recherche kurzem check die grundlage einer neuen story wird. 20 euro für eine story, die im blatt landet. wieviele „artikel“ sind wohl in einer durchschnittlichen bild-ausgabe? 100 stück? dann wäre eine ausgabe mit 2.000 euro durchaus auch vom taschengeld der diekmann-söhne bezahlbar.

letztlich kann man darüber streiten, ob bild nun als erste innovative zeitung den weg ausgeprägt partizipativen journalismus‘ einschlägt, oder ob das abendland mit dem aufweichen der letzten qualitätsstandards in deutschlands auflagenstärkster zeitung dem untergang geweiht ist…

siehe auch: kress – der mediendienst

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