stenographique

glücklich sind die ewig gestrigen: ilse aigners forderung nach einem internet-knigge

In medien on 15/07/2010 at 07:57

fünf tage ist es jetzt her, dass verbraucherschutzministerin ilse aigner (csu) im interview mit welt online weitestgehend beiläufig einen verhaltenskodex für das internet forderte – die idee-vom online-knigge war geboren! zitat:

welt online: brauchen wir also doch differenziertere regeln für das internet?

aigner: wir bräuchten einen ehrenkodex, eine art knigge für das internet, zehn goldene regeln – kurz, knapp und klar.

welt online: wer soll einen solchen knigge aufstellen?

aigner: solche regeln können nur aus der internetcommunity kommen. es wäre schön, wenn die nutzer selbst vorschläge machen würden. orientieren könnte man sich dabei auch an den sozialen netzwerken, die bereits eine „netiquette“ haben.

nachdem frau aigner vor kurzem bereits mit ihrem protestbedingten austritt von facebook und dem damit verbundenen verlust von 4.000 freunden für große aufmerksamkeit gesorgt hatte (taz: „aigner ohne profil“), landet sie mit der forderung nach der online-knigge vielleicht den nächsten gau pr-coup. jetzt – da einige tage vergangen sind – zeichnet sich ab, dass die reaktionen auf aigners forderung so breit gestreut wie umfangreich ausfallen. manche fordern einen führerschein für’s internet, andere ziehen parallelen zu den späten 90ern als es eine ähnliche debatte schon einmal gab, wiederum andere beklagen blasphemie gegenüber herrn knigge senior höchstselbst.

aigner bringt soziale netzwerke ins gespräch, die mit ihrer bereits bestehenden form eines verhaltenskodex als vorbild für die geforderte netz-etiquette dienen könnten. doch ist der kodex wirklich so neu? bei einer suche nach einem völlig anderen buch bin ich bei amazon gestern auf die antwort auf diese frage gestoßen (den vorschlägen à la „vielleicht gefällt ihnen auch…“ sei dank!). völlig visionär muss die autorin virginia shea in den augen von ilse aigner sein. denn sie hat bereits 1994 das buch „netiquette“ veröffentlicht. kern des ganzen: 10 regeln zum verhalten im internet. man erinnere sich an die eingangs zitierte forderung unserer internet-ministerin: „eine art knigge für das internet, zehn goldene regeln – kurz, knapp und klar“. das passt, frau aigner.

finanzielle gründe für die ahnungslosigkeit kann man indes nicht finden: mit einem preis von 2,93$ übersteigt das vier legislaturperioden alte buch das ministeriale budget wohl eher nicht.

  1. ohne eine durchgreifende instanz sind solche regeln sowieso unbrauchbar bzw. nicht wirklich wirkungskräftig.

    das is wie ein fußballspiel ohne schiedsrichter, wo man dann alle spieler vorher bittet doch schön fair zu spielen und nicht nur den eigenen vorteil zu suchen…

    • deswegen ja ein kodex und kein gesetz.
      frau aigner ging’s ja (in diesem fall…) nicht um zensursula, sondern darum das miteinander und den allgemeinen umgangston im web von außen zu harmonisieren…

      den ansatz finde ich gar nicht mal verkehrt: schließlich würde eine allgemein anerkannte (?) institution wie die bundesregierung dann ein zeichen setzen gegen cybermobbing, böse schimpfworte etc. – auf der anderen seite: auch hier regelt das netz sich selbst. wie im wahren leben ist der umgangston in einem deiner nerd-foren ja auch ein bisschen rauer als auf xing oder linkedin, oder?

  2. ob kodex oder gesetz, es ist zumindest meiner meinung nach im internet nich umsetzbar.
    Ein Kodex hat meiner Meinung nach nur für Gruppen mit einer gewissen Kohäsion eine Wirkung, weil ein Anreiz besteht sich daran zu halten (Zugehörigkeit usw.)
    Man fühlt sich aber nich der großen Internet Nutzergruppe zugehörig, glaube ich zumindest.
    Foren usw. habe ihre Netiquette, haben auch auch Admins die ein Auge drauf haben, sogar in Nerd Foren😉

    Wie du sagst, das regelt sich wenn von selbst.
    Ausserdem hat jeder Einzelne jederzeit die Möglichkeit seine Partizipation einzustellen wenn ihm der Umgang nicht passt, wie im echten Leben auch.

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