stenographique

zensur: polizei kauft 30.000 tempo-hefte auf

In medien on 29/06/2010 at 19:19

diese nachricht schockiert mich: gerade lese ich bei persönlich.com, dem schweizer portal der kommunikationswirtschaft, dass die polizei in indonesien eine komplette ausgabe des tempo-magazins aufgekauft hat. in einer wortwörtlichen nacht- und nebelaktion haben zivilfahnder die indonesischen presse-grossisten im morgengrauen belagert und nahezu sämtliche exemplare der 44. ausgabe des polit-magazins aufgekauft, bevor diese an die kioske im land verteilt werden konnten! was war passiert?

das wochenmagazin hatte intensiv recherchiert und eine cover-story zum thema bestechung und veruntreuung innerhalb des polizeiapparats geschrieben, von der die ordnungshüter im vorfeld wind bekommen hatten. unruhe brach aus in trunojoyo, der zentrale der national police in indonesien. unter der hand schoben sich polizisten aufgeregt eine kopie verschiedener banktransaktionen herüber, die die privaten konten von einigen top-cops oder deren angehöriger betrafen. angeblich ist dieses stück papier teil der recherchen des financial transactions reporting & analysis centers (PPATK). ein kommentar der behörde wurde mit verweis auf die laufenden ermittlungen verweigert.

eine der größten zahlungen betraf general-inspector budi gunawan. 54millionen rupien (4885,- eur) flossen auf das konto seines sohnes. unter den großzügigen spendern: ein internationaler vermögensverwalter. sechs weitere beamte haben angeblich ähnliche zahlungen erhalten, insgesamt 21 sind verdächtig. man mag sich darüber wundern, dass zahlungen in höhe von wenigen tausend euro die polizei dazu bringen können, mitten in der nacht in zivil tausende zeitschriften zu kaufen. dieser zustand ändert sich jedoch schnell, wenn man sich das gehaltsgefüge in indonesien ansieht. ein drei-sterne-polizei-general verdient mit 9millionen nämlich nur rund 814,- eur monatlich, muss aber gleichzeitig wirtschaftskriminalität bekämpfen, die ihn wie einen bettler neben dagobert duck stehen lässt. klickstu erschwerend kommt eine juristische besonderheit in indonesien hinzu: die beweislastumkehr. demzufolge müssen nun die beschuldigten polizisten die herkunft der zahlungen erklären und gelten solange als schuldig, bis sie den endgültigen gegenbeweis erbringen können.

globale brisanz kriegt die story in meinen augen erst durch die reaktion der polizei. denn: bestechungen sind in ländern mit geringem gehaltsniveau im öffentlichen sektor an der tagesordnung. und: in diesem fall waren die summen sogar überschaubar und der kreis der mutmaßlichen täter würde in einer zelle platz finden. aber: die simple und gleichzeitig stupide idee, die verbreitung der beschuldigungen zu stoppen, ist auf der einen seite so unglaublich wie ein argentinischer sieg im wm-viertelfinale: alle exemplare aufkaufen, damit keiner von der story erfährt? bei einem magazin, das auch auf englisch publiziert und weite teile der rechercheergebnisse  online zur verfügung stellt? was mag die aufpasser da in ihrer panik geritten haben…

auf der anderen seite liefert uns diese geschichte einen lupenreinen beleg für den streisand-effekt. dieser besagt, dass der versuch der unterdrückung einer information erst zu deren übermäßiger verbreitung führt. niemals hätte ich mich mit einem bestechungsskandal in indonesien beschäftigt. niemals hätte das tempo-magazin einen bekanntheitsgrad in europa erreicht, auf den es momentan (vermutlich) zusteuert. aber der streisand-effekt macht’s möglich: die lächerlich hilflose aktion der polizei geht als meldung um die welt. noch ist das presse-echo verhalten und nur wenige leitmedien haben das thema aufgegriffen (die welt berichtet immerhin seit heute morgen mit einem zehnzeiler in der kategorie „vermischtes“) – lange wird das nicht so bleiben, schließlich solidarisiert sich die internationale schreiberschaft immer recht schnell, wenn die pressefreiheit angegriffen und bedroht wird.

die reaktion des magazins ist übrigens genauso simpel wie gut: aufgrund des „offenkundigen interesses“ habe man beschlossen, die ausgabe ein zweites mal in den druck zu geben! police – fail.

siehe auch zur zensur: schwarzer tag für das zdf

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