stenographique

oberflächlich, vergesslich, ignorant – wie verändert das echtzeitweb unseren nachrichtenkonsum?

In medien, meinungen on 20/06/2010 at 18:31

gerade ertappe ich mich dabei, ernsthaft beim mini-quiz von spiegel-online ins schwimmen zu geraten. die frage: wissen sie noch was letzte woche los war? normalerweise wäre das ein link, auf den ich nicht mal für geld klicken würde – jetzt aber, beim ziellosen und gedankenverlorenen konsum von dutzenden kurz-meldungen zwischen wm und politik bewegt sich mein mouse-zeiger doch auf den „mehr“-button. click.

nachdem ich die dritte frage beantwortet habe und wieder falsch liege, frage ich mich: wie kann es sein, dass informationen, die man in der tagesschau, in einem nachrichtenmagazin (print!) und auf diversen blogs gelesen hat, nach gerade einmal einer woche schon wieder verdrängt wurden. ist es einfach nur die masse an informationen, die hier in echtzeit auf uns eindrischt? selbst meldungen von kapitaler bedeutung werden angeklickt, quergelesen und vergessen. zeit für ein umdenken?

per rss-feed und link-leiste lese ich etwa 40 blogs und online-magazine regelmäßig, das heißt mehrmals am tag. viele behandeln themen aus marketing, psychologie und werbung, einige kümmern sich um gewichtiges wie weltpolitik, wiederum andere erfüllen mein verlangen nach trashigem klatsch und sport-meldungen. hinter jedem dieser medien stehen intelligente menschen, die hauptberuflich oder aus leidenschaftlicher freizeitgestaltung heraus über themen schreiben, die ihnen und ihren lesern wichtig sind. man sollte also davon ausgehen, dass jede dieser meldungen eine gewisse relevanz hat. klickstu

haben sie auch. das problem ist nur: unsere gehirne werden langsam unfähig zu selektieren. das dauerfeuer aus allen medialen rohren reduziert anscheinend die fähigkeit, den spannenden content überhaupt noch in der nötigen tiefe zu erfassen und zu hinterfragen. das äußert sich in zahlen wie diesen: durchschnittliche betrachtungszeit einer website = 40sekunden. halbwertszeit eines tweets = 3minuten. blogs weltweit = deutlich über 100millionen. fest steht: will man sich weiterhin souverän und mündig im netz bewegen, braucht es strategien. diese können dafür sorgen, dass wir die flussgeschwindigkeit wieder selbst bestimmen und registrieren, wer links und rechts vom ufer steht. hier einige ideen, die dazu beitragen können:

  1. FILTERN: ein breites allgemeinwissen baut man sich nicht auf, indem man möglichst viele meldungen einmal gelesen hat, sondern indem man möglichst viele meldungen miteinander verknüpfen kann.
  2. AUSSORTIEREN: der vielleicht schwerste punkt ist die trennung von feeds, newslettern und status-updates. das gilt sowohl für blogs und magazine als auch für meldungen von freunden auf facebook: so hart das ist, man kann meldungen von „spammern“ unterdrücken, ohne ihnen gleich die freundschaft zu kündigen. keine scheu, auch mal den „unlike“- oder „unfollow“-button zu drücken!
  3. LINKS INGNORIEREN: so transparent die recherche durch querverweise auch wird – links lenken ab. nach einem klick auf eine quelle verführt die neue seite dazu, den ursprungstext zu vergessen und wieder nur eine halbe information abzuspeichern.
  4. ZEITMANAGEMENT: meine websessions dauern von mal zu mal länger. einmal angefangen, fesseln mich die inhalte meiner lieblingsseiten oft stunden. vielleicht wäre es eine gute idee, sich ein zeitlimit zu setzen oder internetfreie zonen zu schaffen. testenswert…
  5. TEILEN: social media macht’s möglich: ein klick auf den weiterempfehlungsbutton und man steigt in die diskussion mit kollegen und freunden ein. außerdem: bevor ich einen text weiterverbreite, überlege ich zweimal, ob dessen inhalt es wirklich wert ist – und setze mich auf diese weise aktiv mit dem eben gelesenen auseinander.
  6. KOMMENTIEREN: blogs leben von anteilnahme und interaktion. das ist wertvolles feedback für den autor, denn die währung im netz ist aufmerksamkeit! wer einen artikel kommentiert, hat sich vorher in der regel intensiv mit dem inhalt beschäftigt – und konsumiert bewusster.
  7. RELAX: keine ahnung, ob das übertragbar ist… aber ich ertappe mich häufiger bei dem versuch, alles wissen und lesen zu wollen, was auf der welt geschieht und worüber jemand schreibt. das geht nicht. mit dieser (nicht besonders überraschenden) einsicht fällt es mir zumindest deutlich leichter, einen guten text entspannt zu ende zu lesen.

daraus ergeben sich natürlich auch diverse neue anforderungen an die textgestaltung. wer einen text publiziert, muss sich den web-gegebenheiten anpassen und content anders präsentieren als er es in einem print-titel tun würde. prägnante sätze. aufzählungen. kurze texte. viele absätze. auch aus dieser sicht heraus wird deutlich, dass internet und print weder 1:1 vergleichbar noch substitute sind.

um eine sache klarzustellen: noch ist der punkt nicht gekommen, an dem wir die folgen unseres web-content-konsums schmerzhaft feststellen. noch wirkt dieser eintrag wohl übertrieben schreckhaft und etwas gestrig wirken. ich bin aber überzeugt, dass dieser moment als eine art point of no return kommen wird – die veränderung unserer mediennutzung ist irreversibel: oberflächlichkeit ist eine eigenschaft, die man schnell annimmt, aber schwer wieder loswird. vielleicht hilft die parallele aus der analogen welt: wer sich über 20 wochen- und tageszeitungen abonniert und nach hause bestellt, würde von den meisten von uns mit einem verweis auf „a beautiful mind“ wohl auch als obsessiv bezeichnet werden… zurück zum ursprung – der spiegel fragt: wissen sie noch, was letzte woche los war? und ich muss antworten: von allem habe ich gelesen, aber kaum etwas weiß ich noch.

als feedback kann man vielleicht festhalten: die fähigkeit zu filtern und zu selektieren ist letztendlich der schlüssel, sich der überforderung im web zu widersetzen und inhalte nachhaltig zu konsumieren. fassen wir es mal metropolit zusammen: the less you read, the more you know!

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