stenographique

hysterie im web2.0 – chronographie einer twitter-ente

In meinungen, miscellaneous on 15/06/2010 at 10:00

gestern vormittag, 10.59 uhr: bei twitter geht eine erste (noch unschuldige) info ein: „donnernder schlag über göttingen… #goebombe“. bereits eine minute später schaltet sich das göttinger tageblatt (GT) ein, das live von den letzten beiden bombenentschärfungen aus göttingen vor rund 2 wochen twitterte und damit national einige beachtung fand:

zunächst noch fragend, war die resonanz doch gewaltig. im sekundentakt poppten neue tweeds mit dem kennwort #goebombe auf, das das GT bei der letzten entschärfung eingeführt hatte.

als erkennbar wurde, dass alle, die sich an der diskussion beteiligten, den knall gehört hatten, wurden die prognosen bereits waghalsiger. standort city? größere erschütterung als bei der letzten explosion?! berstende fenster noch kilometerweit entfernt. #goebombe verbreitete angst und schrecken! erste zweifler wie dieser wurden ignoriert – zu spektakulär war die vorstellung einer bombenexplosion in der innenstadt!

es dauerte nicht lange, und man fand erste „belege“ für das erhofft-schreckliche befürchtete ereignis. keine anwohner, die bilder von zerstörten häuserfassaden uploadeten, nein: die bild-zeitung wusste es schon einen tag früher…

klickstu

das göttinger tageblatt versuchte zu beruhigen und die (selbst entfachten) spekulationen wieder einzudämmen. was man sagen wollte: „ruhe bewahren, polizei und feuerwehr wissen nichts von einer bombe“. was im web2.0 verstanden wurde, war: „selbst polizei und feuerwehr haben keine erklärung für diesen schrecklichen knall“. öl im feuer der spekulationen… 

der point-of-no return war offensichtlich zu diesem zeitpunkt (fünf minuten nach der ersten meldung) schon erreicht. immer weitere „belege“ trafen ein. jetzt wurden auch löschzüge und krankenwagen in der nähe des schützenplatzes gesichtet, dem detonationsort der letzten bombe.

wer jetzt noch an einer detonation schrecklichen ausmaßes zweifelt, wird persönlich von anderen twitterern darauf hingewiesen, dass feuerwehr und krankenwagen nicht wegen eines überschallknalls ausrücken. dieselbe ahnungslosigkeit bei den behörden? unmöglich! wenn als ein krankenwagen losfährt, ist das der endgültige beweis…

auch ich lasse mich von der allgemeinen panikmache mitreißen und mache beim stille-post-spiel mit. nach rücksprache mit kollegen in direkter nähe weiß ich zumindest, dass es keine evakuierung gab. derselbe fehler wie beim GT: das kann genausogut als indiz für eine unvorhergesehene detonation herhalten… deeskalierend wirkt das nicht.

wenig später die entwarnung: jemand hat eine quelle gefunden, die die twitter-gemeinde für glaubwürdig hält, die hessische/niedersächsische allgemeine zeitung (HNA). sie berichtet von einem überschallknall, der durch einen eurofighter ausgelöst worden sein soll. die wogen glätten sich… einige spätzünder berichten jetzt noch aufgeregt von der möglichen explosion und verstummen blitzartig, nachdem sie den verlauf der tweeds gelesen haben oder von einem twitterer auf ihre verspätung hingewiesen wurden.

so schnell die aufregung kam, so schnell ist sie auch wieder verstummt. gerade einmal 15minuten und mehrere hundert nachrichten lagen zwischen panikähnlichen  zuständen und business as usual. 11.15 uhr: man wendet sich wieder der kaffeetasse, dem lernskript oder dem terminplaner zu. als wäre nichts gewesen…

persönlich hat mich vor allem schockiert, dass ich selbst mich ohne wirkliche recherche – von einem chat und einem telefonat mit zwei kollegen in der „gefahrenzone“ einmal abgesehen – direkt ins getümmel gestürzt habe. völlig übermannt von dem gefühl, ganz vorne dabei zu sein, an allererster nachrichtenfront. überzeugt, den job eines reporters machen zu müssen, nur besser, nur schneller. die zweite hochinteressante erkenntnis war die, dass man sich in solchen momenten als teil einer community fühlt und anderen twitteren zunächst einmal glauben schenkt, so unwahrscheinlich deren aussagen auch sein können. aus welchen gründen auch immer: sei es aufgrund der den menschen innewohnenden sensationslust, sei es aufgrund der tatsache, dass dort echte menschen berichten und die wahrgenommene distanz zu einem echten nachrichtenmedium (das nur als zeitung/website/blog/sender auftritt) deutlich reduziert ist.

mir hat das ganze zu denken gegeben: was wäre, wenn die meldung den sprung in andere medien geschafft hätte? die bildzeitung war sicher schon dabei fotos von der brenndenden göttinger innenstadt zu fälschen… was wäre, wenn durch einen harmlosen tweed und vielleicht ein paar schnellgetippte blogeinträge die menschen in panik verfallen? zugegeben: letzteres ist äußerst unwahrscheinlich, einfach aufgrund der tatsache, dass die nutzergruppe solcher web2.0-medien relativ betrachtet verhältnismäßig überschaubar ist… dennoch: gerade bei einer bombe geht es um leben und tot. zuzutrauen ist den menschen da einiges…

für mich selbst habe ich beschlossen, in zukunft anderen den vortritt zu lassen und mich zu meldungen erst zu äußern, wenn sie von „echten“ nachrichtenmedien aufgegriffen und bestätigt wurden. so groß die möglichkeiten dieser investigativen turbo-recherche auch sein mögen – die risiken sind nicht geringer. genau hierin liegt das potential twitternder journalisten…

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anscheinend haben genau diese meinen artikel gefunden. ich freue mich sehr, dass stenographique bei bildblog in 6vor9 gelistet wurde… zu bildblog: derzeit nr. 12 in den deutschen blogcharts.

  1. […] This post was mentioned on Twitter by Old Mac Donald, philipp spreer. philipp spreer said: die hysterie im web2.0 – chronographie einer twitter-ente: gestern vormittag, 10.59 uhr: bei twitter geht eine ers… http://bit.ly/aVRkeq […]

  2. erkenntnis und selbstkritik, das macht einen guten schreiberling aus! du bist einer..

  3. Ich denke das lag aber diesmal nicht an falschmeldungen denn bewusst gab es keine… es fuhren wirklich krankenwagen zu dem zeitpunkt ich hab die auch gehört.. aber eben nicht zum schützenplatz sondern sonstwohin… das war ein zufall… mehr nicht… aber erschrocken habe ich mich auch……

    Ich glaube da ist in den köpfen eine kleine angst… daran liegts…

  4. Toller Beitrag. Chapeau. Bei der letzten #goebombe wurde ja schon darüber berichtet, dass eine Entschleunigung gerade der Nachrichten-Welt gut tun könnte (das Editorial von teltarif). Und gerade bei dem Überschnallknall habe ich auch schön verfolgen können, wie sich Gerüchte hochschaukeln. Es war ja auch davon zu lesen, dass Feuerwehr ausrückt, Krankenwagen gen Schützenplatz fahren und so weiter. Aber: es gibt Twitterer, die für mich glaubhaft sind. Wenn diese dann schreiben: „Ich seh den Schützenplatz, da ist nichts los“, komme ich aber persönlich etwas in die Klemme. Die klassischen Quellen (Polizei, Feuerwehr, dieses Mal auch Bundeswehr und Flugsicherung) sind eben nicht Echtzeit und in der Zeit, in der die Presse auf die Antworten wartet, schaukelt sich (zwangsläufig) einiges hoch. Das ist gefährlich, verführerisch und leider ein Twitterphänomen, das es wahrscheinlich immer geben wird. Das wichtige: Man muss nur darum wissen.

  5. Naja, man munkelt, dass derausdemwaldkam die Aktion als nette PR-Kampagne fürs Blog benutzt hat. Aber wissen tut das natürlich niemand.

    Wer bei uns twittert ist (noch etwas) undurchsichtig. Ich twitter auch, die Hauptarbeit während der Entschärfungsaktion hat aber eine Kolllegin übernommen. Da oben, der erste Tweet, ist zum Beispiel auch von mir. Insgesamt haben wir hier drei, vier Kollegen die vor Allem während der letzten Wochen über goetageblatt geschrieben haben.

    Bei den Bombennächten war es so, dass wir eine Mannschaft hatten, die die verschiedenen Gebiete abgedeckt haben. Alle Infos, die wir draußen vor Ort bekommen haben (und verifizieren konnten!) haben wir dann an eine andere Kollegin (telefonisch) weitergegeben. Die hat dann die Inhalte für Facebook und Twitter aufbereitet.

    Für die Planung der Sonderseite war ich dann zuständig. Twitter sollte da eine sehr wichtige Rolle spielen, aber: Nur weil er in den Medien immer so schön „Kurznachrichtendienst“ genannt wird, darf man Twitter nicht mit einem „Nachrichtendienst“ verwechseln. Das wurde bei der goebombe leider aber noch gemacht. Da haben die Überregionalen einfach mal Tweets als „lokale Medien“ oder noch schlimmer „laut dem Kurznachrichtendienst ‚Twitter'“ in ihre Nachrichtenportale gehievt.

    Deshalb auch der Liveticker auf der GT-Seite. Da haben wir eben die Tweets veröffentlicht, die wir eindeutig verifizieren konnten.

  6. hmm… dass das eine pr-aktion sein sollte, kann ich mir kaum vorstellen. dafür ist der blog einfach zu schlecht (besucht). außerdem ist der letzte artikel ca. 2 monate alt. das wäre auf jeden fall eine bescheidene vorbereitung!

    anyway: vielen dank für die interessanten einblicke in eure arbeit – ihr macht das gut!

  7. Ich denke schon das es von der Dame/Herr eine PR aktion war.. weil sie/er am nächsten tag definitiv damit und dem artikel Twitter zugespamt hat und sich somit selbst beworben hat….

    wie das Angefangen hat will ich nicht beurteilen, obs geplant oder spontan war.. aber ich bin mir sicher die falschmeldung war bewusst gesetzt, sonst hätte man damit am nächsten tag ja nicht den blog beworben

    Oder der Mensch ist einfach dreist.. kann auch sein…

  8. Sehr schöner Beitrag!

  9. Mal ne frage: Bist du dann auch der Mensch der vor der Entschärfung mit mir getwittert hat und mich fragte wo ich denn abends bin…?

    Hab ganz net mit einem Goetageblatt Menschen getwittert und meinte noch er erkennt mich an den 2 farbigen schuhen… und er sagte mir wird die Kamera mit sicherheit auffallen🙂

    • nee, das war ich leider nicht…
      aber du findest einen GT-mitarbeiter hier unten in den kommentaren (floyboy) – frag den doch mal! er hat mir berichtet, dass er einer von drei redakteuren ist, die für’s GT twittern. die chance ist also realistisch ;)!

  10. Ich weiß ja nicht. Die tweets, die hier zitiert werden, wirken alle eher fragend und unsicher, eine „Hysterie“ oder „Panikzustände“ kann ich da beim besten Willen nicht rauslesen. Wirkt eher wie eine normale Plauderei wie man sie nach einem lauten Knall zB auch im Büro führen würde. Wo man mit seinen Kollegen darüber spekuliert, was das nun gewesen sein könnte.

  11. Hallo,

    mal etwas OT. Das hätte eine schöne Geschichte sein können. Aber (wtf) was ist denn mit Deinen Shift-Tasten los? Fehlen diese?

    Tut mir leid, aber so nervt der Text tierisch.

    Viele Grüße

    Sagi Chnicht

    • genau… ist ein alter c64, mit dem ich blogge – der ist schon ein bisschen mitgenommen!
      im ernst: dass du das schriftbild ungewohnt findest, kann ich verstehen. mir gefällt’s aber und du bist ehrlich gesagt der erste, der dadurch probleme beim lesen hat… hoffe, der inhalt der geschichte ich trotzdem angekommen!

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