stenographique

grelle gedanken zur gothaer

In marketing on 29/03/2010 at 22:17

göttingen hauptbahnhof, 7 uhr morgens. warten auf den zug. auf den ohren das leise wummern der beats von paul kalkbrenner. viel zu früh für klare gedanken, den kopf voll und leer zugleich. der blick wandert gelangweilt umher und streift menschen, gleise, werbe-poster. am unscheinbarsten von ihnen bleibt er hängen: eine versicherung. die gothaer. slogan: „wir machen das.“

das bleiche plakat, das sich in der morgensonne kaum vom grau der pflastersteine abhebt, wird registriert und wieder vergessen. ein blick auf die uhr, noch 10 minuten. nur sekunden später folgt die durchsage des station-managements: aha, aufgrund technischer probleme also… weitere 10 minuten… klar, ist entschuldigt.

zwischen den gelangweilten berufspendlern am bahnsteig scheint selbst das fahle plakat der gothaer noch als willkommene abwechslung, für die sich der müde kopf begeistern kann. anscheinend der optimale geisteszustand für eine intensive betrachtung eines zugleich inhaltsfreien und tiefgründigen werbemotivs.

was sehen wir? die gothaer hat als anzeigenmotiv an vielen deutschen bahnhöfen auf den ersten blick ein sich küssendes paar ausgewählt. er im weißen oberhemd vor weißem hintergrund, sie mit windig-zerzaustem haar und lasziv-entspanntem gesichtsausdruck. wenn wir aber ein pärchen sehen, wo ist dann die gothaer? schnell fällt der blaue stift auf, das key visual der versicherung. und da: die frau trägt einen ring in derselben farbe und machart wie der blaue stift. klare sache: da ist die gothaer. jetzt gibt es zwei möglichkeiten: klickstu

  1. die frau hat den ring von dem mann angesteckt bekommen. vielleicht als zeichen der liebe, vielleicht als wiedergutmachung für den vergessenen valentinstag.
  2. die frau trägt den ring als zeichen. er soll dem aufmerksamen beobachter verdeutlichen, dass sie das testimonial für die gothaer ist.

da ringe in meiner auffassung immer symbol eines schenk-akts sind, präferiere ich die erste version. er hat ihr also den blauen ring geschenkt. dazu passt auch die erste zeile des claims: „was immer sie in zukunft auch vorhaben…“. er weiß, was er vorhat: er will sie heiraten und schenkt ihr deswegen den blauen verlobungsring. und was macht sie? fällt ihm um den hals und küsst ihn sinnlich. die liebesszene könnte perfekt sein, voller hingabe, sehnsucht und schmetterlinge. wenn da nicht die zweite zeile des claims wäre… 

„sie sollten mit jemandem darüber reden.“ oh. auch hier wieder viel interpretationsspielraum. will die gothaer dem mann die geplante hochzeit wieder ausreden? ist das nicht sogar die ursprüngliche aufgabe einer versicherung – leid und unheil verhindern, bevor es passiert? vielleicht ist es aber auch ganz anders: in vielen jugendlichen subkulturen und der zuweilen angespießten bourgeoisie ist reden nämlich ein synonym für küssen. ein tiefgehendes gespräch zu führen, hätte also eine ganz ungeahnte aussage. hierzu optimal: der fit zwischen dem bild des küssenden pärchens und dem sie-sollten-reden-claim. ist das werbemotiv am ende ein rebus-bilderrätsel für dieses synonym (reden=küssen)? sinngemäß wäre dann die aussage der versicherung: schatz, wir müssen reden – zieh dich schonmal aus!

kaum habe ich diesen gedanken zuendegedacht, fällt es mir wie schuppen von den noch mit schlaf verklebten augen: die gothaer versicherung wirbt mit dieser annonce für den durchaus persönlichen stil ihrer außendienstmitarbeiter: erst die kundin mit einem ring aus eigener produktion bezirzen, dann direkt ins intensive „gespräch“ einsteigen… jetzt fällt mir auch auf, dass die frau nackt zu sein scheint – keine faser textil ist zu sehen! das geständnis findet sich wie vermutet im kleingedruckten: „ob wir der richtige partner für sie sind, entscheiden sie am besten selbst“, heißt es dort. unglaublich, dass diese art der kundenakquise noch nicht angeprangert wurde…

die nächste durchsage des bahnhofsvorstehers reißt mich aus meinen gedanken… vorsicht bei der einfahrt des zuges! einmal tief durchatmen, den letzten schluck kaffee trinken, in die sonne lachen und einen letzten blick auf den gothaer-mitarbeiter und sein opfer werfen – das wird ein guter tag!

während dieser kleine artikel entsteht, entscheide ich, dass dem gemüts- und geisteszustand der probanden bei der analyse von werbewirkungen viel zu wenig beachtung geschenkt wird. ein marketing treibendes unternehmen müsste viel genauer auf die informationsverarbeitungsfähigkeit und die intensität der auseinandersetzung mit einer werbung eingehen. gerade an orten, an denen sich schwerpunktmäßig müde pendler morgens und abends aufhalten, wie z.b. bahnhöfen. mit diesen hinweisen kann ich den post jetzt auch guten gewissens in die kategorie marketing einordnen…

  1. Fast schon poetisch dein Artikel!Witzig und gut geschrieben, gefällt mir sehr!

  2. danke ;)!
    hab mir dafür ein video von wax tailor bei dir ausgeliehen…

  3. Ganz gut geschrieben. der schluss hört sich jedoch danach an als hättest du die letzte W&V Ausgabe gelesen! Einfach ne kleine story drum..fertig. will dir nbatürlich nichts unterstellen!

  4. hallo „ich“,
    klingt spannend – den artikel würde ich gerne mal lesen. entgegen deiner vermutung kenne ich ihn leider noch nicht. wenn du’s einrichten kannst, poste den link bitte mal hier!
    besten dank!

  5. […] This post was mentioned on Twitter by philipp spreer. philipp spreer said: wenn #versicherung versuchen, #sexy #marketing zu betrieben http://wp.me/pI18k-6d -> griff in die büchs […]

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