stenographique

schulkinder mit globalisierungskritik geimpft

In medien, miscellaneous on 28/02/2010 at 18:53

die krise hat offenbart, was pisa noch übersehen konnte: viele jugendliche haben überhaupt keine vorstellung von wirtschaftlichen zusammenhängen und verstehen weder die entstehung der aktuellen durststrecke, noch die maßnahmen, die dagegen ergriffen werden. erstaunlich: die grundlage für die ahnungslosigkeit wird schon im zarten schulalter gelegt.

im auftrag des liberalen instituts der friedrich-naumann-stiftung hat justus lenz jetzt untersucht, welchen eindruck von „marktwirtschaft und unternehmertum“ schulbücher in deutschland und der schweiz den schülern vermitteln. justus lenz ist doktorand am lehrstuhl für institutionenökonomie der uni erfurt und hat herausgefunden, dass unterschiede in der vermittlung der lehrinhalte sich nicht in erster linie zwischen den ländern manifestieren, sondern vielmehr zwischen den verschiedenen schulfächern erdkunde, wirtschaftskunde, politik, sozialwissenschaften.

los geht’s schon mit der tatsache, dass an vielen schulen und in vielen klassenstufen überhaupt kein unterricht in wirtschaftsnahen fächern angeboten wird. kein „wipo“, kein „wirtschaftlehre“, nichts. dort wo wirtschaftsunterricht angeboten wurde, gab es dafür aus sicht von herrn lenz allerdings nur wenig zu grund zu klage. anders fällt sein urteil aus, wenn es um die fächer erdkunde und sozialunterricht geht. die skurrilsten textstellen hat er dankeswerterweise besonders hervorgehoben. drei beispiele:

  • „für den wirtschaftlichen niedergang der ddr war nicht das politische system, sondern kriegszerstörungen und reparationszahlungen verantwortlich“ (mittelstufe erdkunde in hessen/berlin/niedersachsen)
  • „so leistet sich philips in klagenfurt teure, kreative leute mit dem geld, das in manila durch die niedrigen löhne eingespart wurde“ (erdkunde in schleswig-holstein)
  • „durch die öffnung chinas wurden die bauern gezwungen, eigenverantwortlich zu wirtschaften und auf ihre erträge zu achten“ (geschichte in schleswig-holstein)

klickstu

gerade in bundesdeutschen lehrbüchern dominiert eine marktkritische haltung. lenz registriert „starke tendenzen zur emotionalisierung und verzerrten darstellung“. geld wird schon einmal als „blut der wirtschaft“ tituliert (dierke erdkunde) oder die folgen der globalisierung mit „entlassungen, entlassungen, entlassungen“ zusammengefasst (ebda). unsere eidgenössischen nachbarn aus dem bankenstaat basteln dagegen weniger beschönigende passagen über den kommunismus und die planwirtschaft in die erziehungswerke der jüngsten.

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titel der veröffentlichung: „die darstellung von marktwirtschaft und unternehmertum in schulbüchern in deutschland und in der deutschsprachigen schweiz“, erscheint anfang märz beim liberalen institut der friedrich-naumann-stiftung.

siehe auch: wirtschaftswoche, nr. 9 vom 1.3.2010, s. 36

siehe auch: „unternehmertum und wirtschaft in europäischen schulbüchern“ vom georg-eckert-institut für internationale schulbuchforschung (download)

  1. […] } stenographique ist weder ein schulblock, noch ein schulblog. etwaige ausflüge können also getrost abgeheftet und vergessen werden. wenn hier themen aus den vielleicht […]

  2. Bin erst jetzt auf den Artikel gestossen. Darum kommt der Kommentar sehr verspätet. Vorab: Thumbs up – Thema auf den Punkt gebracht, mit der Kernaussage kann ich mich vollständig identifizieren. Auch die Studie macht Sinn und trägt zu einer hoffentlich kritischen Debatte bei.

    Die politische Konsequenz war jedoch (zumindest im Thüringer Landtag) eine ganz andere. Anstatt die Schulbuchverlage einer kritischen Würdigung zu unterziehen brachte die FDP-Fraktion einen Antrag (http://www.fdp-thueringen.de/erfurt/news/3480-antrag_traumberuf_chef_der_anfang_ist_gemacht.html) bzgl. der Implementierung von Unterrichtsmaterial mit dem Titel: „Traumberuf Chef“ (BMWi-Publikation: http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen,did=333238.html) im Landtag ein.

    Das Ziel mag löblich sein, gab aber allen anderen Fraktionen genug Angriffsfläche um den (möglicherweise vielversprechenden Ansatz) niederzuschmettern. Der Grund: Der herausgebende Verlag dieser Materialien ‚Traumberuf Chef‘ der Universum Verlag an dem die FDP zu 50% beteiligt ist. (http://de.wikipedia.org/wiki/Universum_Verlag)
    Statt einer inhaltlichen Debatte zum eigentlichen Thema verkam die fast einstündige Sitzung im Landtag zu einer Diskussion über Vetternwirtschaft (getreu dem Motto: Warum sollte durch einen Landtagsbeschluss die FDP finanziert werden…)

    Fazit: Schlechtest Timing, schlechtes (oder gar: plumpes) strategisches Vorgehen der FDP – die doch eigentlich an der Vermittlung pro-wirtschaftlicher Inhalte (unter Berufung auf die ‚FDP-Stiftungs‘-Studie an unseren Schulen interessiert sein sollten. Jetzt wird sich wohl so schnell nix an den Schulbüchern ändern, da das Vorpreschen der FDP so ziemlich am Thema vorbei ging (http://www.sueddeutsche.de/politik/173/507333/text/3/).

    -Schade eigentlich!

    Mit den Besten Grüßen
    ein Wahl-Erfurter

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