stenographique

gut, besser, ich – das phänomen der selbstüberschätzung

In marketing, miscellaneous on 23/01/2010 at 16:05

wer seine selbstüberschätzung als seine größte stärke ansieht, hat immerhin schon eines geschafft: er (oder sie) hat erkannt, dass seine anderen fähigkeiten vielleicht unterdurchschnittlich ausgeprägt sind. für alle anderen, die von diesem leid geplagt werden: fürchtet euch nicht, es gibt eine erklärung. wissenschaftlich. echt wahr.

wäre das hier die bildzeitung, müsste der nächste satz jetzt mit „amerikanische forscher haben herausgefunden…“ beginnen. ist es aber nicht. daher folgender vorplänkelnder einstieg: derzeit läuft die 37. staffel von dsds, in der gezielt kandidaten gesucht werden, die sich vor bohlen & co bereitwillig abkanzeln und vor der deutschen fernsehnation blamieren lassen. die frage ist: warum? glauben diese talente an das gold in ihrer kehle? ist es der kurze moment eines flüchtigen aufmerksamkeitsschubs, der reizt? die chance, den naturgebräunten produzenten aus der nähe zu sehen? sicherlich kommt da einiges zusammen. an den zetereien und beschwerden der kandidaten lässt sich aber echte wut und ehrliche enttäuschung erkennen. enttäuschung allerdings nicht darüber, dass man jetzt endlich gehört hat, was alle schon wissen („du kannst nicht singen!“), sondern enttäuscht darüber, dass in der jury ein völlig unfähiger und ahnungsloser vollidiot sitzt, der das große talent nicht erkennt.

jetzt zu den amerikanischen forschern, die tatsächlich eine rolle spielen: klickstu
david dunning und justin kruger sind zwei psychologen von der amerikanischen cornell university. dort haben sie untersucht, wie sich selbstüberschätzung äußert und auswirkt. dabei wurde folgender versuchsaufbau verwendet: eine gruppe von studenten absolvierte tests in kategorien wie logik, grammatik oder humor. anschließend sollten die probanden einschätzen, wie gut ihre ergebnisse im vergleich zu den anderen teilnehmern ausgefallen sind. erstaunliches ergebnis: bei allen fragebögen glaubte das schlechteste viertel der testpersonen, weit über dem durchschnitt zu liegen – sogar, wenn man ihnen die testbögen der besten teilnehmer zum vergleich vorlegte. auslöser für die tests waren alltagssituationen wie autofahren oder ein schachspiel, in denen den wissenschaftlern aufgefallen war, dass unwissenheit häufig zu mehr selbstsicherheit führte als hohes wissen über eine situation.

demnach weisen weniger kompetente personen (selbstüberschätzer) folgende verhaltensweisen auf:

  • neigung, ihre eigenen fähigkeiten zu überschätzen und
  • überlegene fähigkeiten bei anderen zu übersehen,
  • die eigene imkompetenz zu übersehen und
  • im ergebnis, dass bildung zur steigerung der eigenen kompetenz und bei der einschätzung/bewertung anderer hilft.

seit diesen nicht unerwarteten aber wertvollen kenntnissen wird das phänomen chronischer selbstüberschätzung als dunning-kruger-effekt beschrieben. 2000 (ein jahr nach veröffentlichung) wurden die autoren zusätzlich mit dem ig-nobelpreis ausgezeichnet. das paper ist für knapp 12$ hier erhältlich und absolut lesenswert!

gekommen bin ich auf diese story übrigens über einen der autoren selbst: justin kruger ist mittlerweile associate professor für marketing an der new york university und untersucht u.a. heuristiken bei der entscheidungsfindung und produktwahl. so schließt sich der kreis… fazit: dunning-kruger-effekt = spannende populärwissenschaft und ein beeindruckender fact für die kategorie „unnützes wissen“.

  1. Fazit: Weniger kompetente Personen = Berater?

    Zumindest passen die Eigenschaften auf viele Berater😉

  2. […] } und noch ein artikel, über ein spannendes populärwissenschaftliches experiment aus der psychologie, das […]

  3. […] aller regel unter einem information overload (siehe auch artikel zur customer confusion hier oder hier). die bewegendsten geschichten, die spannendsten meldungen und die besten kommentare bleiben so […]

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