stenographique

prosieben leistet den offenbarungseid bei popstars.

In medien, meinungen on 11/12/2009 at 14:47

man kann sich durchaus aufregen über das, was da gestern zur besten sendezeit live über die mattscheiben der nation flimmerte. prosieben bringt die halbfinalausgabe der popstars an den start – die einzige show, in der noch echte talente gefördert, unkommerziell produziert und zu wahren showgrößen gekrönt werden. nachdem die show völlig ereignisfrei vor sich hinplätscherte und sich nur durch die extrem penetranten voting-aufrufe der staubsaugervertreter moderatoren von anderen prosieben dauerwerbesendungen à la raab abhob, kam es fünf minuten vor schluss zu großen überraschung: keiner fliegt raus, die final-entscheidung wird verschoben. stille.

eine völlig angemessene und faire entscheidung, wie co-moderator giovanni „eros“ zarrella richtigerweise die zuschauer und fans informierte. schließlich hätten sich doch alle irgendwie angestrengt und ihr bestes gegeben – auch, wenn diese vorstellung angesichts der abgelieferten gesangsleistungen etwas fremd anmutet. die ersten buh-rufe.

seine kongeniale kollegin charlotte engelhardt versuchte es mit etwas mehr euphorie: „keiner muss weinen, noch ist ja nichts entschieden, das voting geht weiter“. circa 2 minuten vorher klangen ihre einschüchterungsversuche noch geringfügig anders, obwohl sie an dieser stelle schon dasselbe sagen wollte: „ihr seid jetzt so nah dran, ins finale einzuziehen. auf der anderen seite seid ihr so nah dran rauszufliegen.“ das klingt jetzt im ersten moment widersprüchlich, ist es aber gar nicht. der sender verfolgt nämlich eine durchaus klare und geradlinige strategie… klickstu

fantastische events wie popstars von weltverändernder relevanz finanzieren sich eben nicht von allein. daher hat das marketing von prosieben zu diesem anlass einmal ganz tief in die  trickkiste gegriffen und einige ideen entwickelt:

  1. der komplette abend wird an disney verhökert
  2. selbst die schlechteste musik ist nicht zu schlecht für eine eigene cd
  3. die zuschauer werden erst ausgenommen, dann ausgelacht

zu 1: medien kooperationen sind ja nichts neues. dass ein sender allerdings einen kompletten abend verkauft, schon. und dass so eine entscheidung einfluss auf die qualität und den charakter der show hat, kann man auch erahnen. nachdem pro sieben erst vor wenigen tagen einen ganzen tag an disney verhökert hatte (und dieser tag neben der jahresbestquote auch noch einige werbemillionen in die kassen gespült hat), sind die kandidaten nun aufgerufen gezwungen, ausschließlich disney-songs zu singen. ein paar entscheidet sich spontan für den soundtrack zum film „küss den frosch“, der wie zufällig einen tag vorher in deutschland premiere hatte. in den pausen laufen spots von disney, in der show knüpft man ohne unterbrechung mit merchandising daran an. trennung von redaktionellem und werblichem inhalt? fehlanzeige! in dieser deutlichkeit hatte prosieben wohl noch nicht gezeigt, dass es zurecht keinen bildungsauftrag hat… aus marketing-sicht staune ich natürlich immer ein bisschen über den erfolg und die kreativität der programm/werbung-verquirlung. die konsequenz und skrupellosigkeit war aber schon erschütternd! nur am rande noch eine frage, an alle die englisch können: wäre grammatikalisch nicht „popstars (plural) meet disney“ korrekter als der offizielle subtitel der show „popstars meets disney“?

zu 2: man kann ja bekanntlich über geschmack streiten. dennoch gibt es mit sicherheit ein objektiv bewertbares niveau von gesangsleistungen. nicht aber für die völlig blutleere jury um heulsuse detlef. an dieser stelle hätte ich mir nur einen gewünscht (und ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen würde…): dieter bohlen. der hätte dem emo-schaulaufen im glitzerlicht mit zwei sätzen ein ende gemacht. da dieter sich aber anderweitig vergnügte und vielleicht gerade intensiv mit seinen sprüche-schreibern an der nächsten folge vom supertalent arbeitete, kam es wie es kommen musste: niemand verbot dem sender, die unterirdischen musikalischen leistungen auch noch für die ewigkeit auf plastik zu pressen und die halbfinal-show-best-of-cd fleißig zu bewerben. unbedingt kaufen!!

zu 3: und damit zum wahrscheinlich größten aufreger diese denkwürdigen show: wer böses vermutet, könnte auf die idee kommen, dass sich die einkünfte durch anrufe von grenzdebilen zuschauern noch nicht im angestrebten siebenstelligen bereich bewegten, woraufhin die regie spontan entschied, das voting einfach noch zwei tage weiterlaufen zu lassen. dahinter steht folgendes problem: prosieben hat durch seine moderatoren gefühlte 1.000x versprochen, dass am ende der show zwei finalteams feststehen und ein kandidaten-duo eliminiert wird. dieses versprechen wurde gebrochen. demnach sollten alle zuschauer, die sich zu anrufen und sms à 50ct haben hinreißen lassen, einen anwalt konsultieren und das ausgegebene geld zurückfordern. ist vielleicht keine einwandfrei juristische aussage, aber der sender hat seine leistung nicht erbracht und den zuschauern ein mitspracherecht vorgegaukelt, für das diese bereitwillig bezahlt haben, obwohl es nie existiert hat. ist das betrug? ich glaube schon. es drängen sich parallelen auf zu ansätzen in den usa, wo fox und cbs beim american idol und der dortigen supermodel-show dasselbe versucht haben und grandios gescheitert sind.

interessant übrigens: als die notarin gefragt wird, ob das telefon-voting korrekt ablief, antwortet sie nicht auf diese frage, sondern berichtet nur, dass sie das ergebnis dabei hat…

bevor ich’s vergesse: wer noch nicht weiß, wovon ich gesprochen habe, kann sich die letzten minuten dieser tollen schau hier noch einmal ansehen. vorsicht: nicht für choleriker geeignet!

  1. dass die leute dort alle nicht ganz richtig sind, sollte doch klar sein. dass „alle weiter“ sind, ist auch nichts neues. dass sie aber überhaupt nicht merken, wie sie dort von gescheiterten ex-popstars gehetzt werden, ist mir immer wieder ein rätsel.

    gebt es ab 23 uhr ab 18 frei und gut ist.

    unsere gesellschaft verroht durch sone scheiße. immer werden die dummen gezeigt. gut dass es den öffentlich-rechtlichen rundfunk gibt. ich liebe dich phoenix, ard extra, zdf info…

    privater rundfunk ist doch nichts andres als bild-zeitung lesen.
    also lasst es einfach, so weit es geht. zum glück kann man da nichts für bezahlen.

  2. Mal ganz ehrlich: Wen wundert’s eigentlich wirklich? Werden doch die Halbwertzeiten der sogenannten Gewinner nach jeder Staffel einer dieser Casting-Shows immer kürzer und somit der Ertrag der ein bis zwei Singles und Alben geringer. Und irgendwie muss man doch an das Geld kommen und sei es durch undurchsichtige Werbe-Praktiken in denen „redaktioneller“ Inhalt mit Werbung vermischt werden. Oder, wenn sich nicht mehr genug finden, die diesen austauschbaren Schund auch hinterher brav in Form von CDs, (legalen) Downloads und Merchandising kaufen, so vielleicht wenigstens genug, die ihr (Taschen-)Geld in ihre Handys drücken, um – im Moment emotionell noch angefixt – für ihre temporären Favoriten zu stimmen.

    @ dito: Klar schau auch ich zunehmend lieber Phönix oder meinetwegen irgendwelche Dritten, aber deswegen öffentlich-rechtlichen Rundfunk allgemein in den Himmel zu loben und privates Fernsehen grundsätzlich zu verdammen ist m.E. doch sehr platt und so garantiert nicht richtig. Erstens gibt es auf beiden Arten gute und mehr oder weniger sehenswerte Sendungen und zweitens überwiegt (leider aber logischer Weise) sowohl bei den privaten wie auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern der Schrund.
    Und, dito, es mag zwar kein Rechtsverhältnis zwischen den verarschten Zuschauern und den Sendern bestehen, aber es besteht definitiv eines zwischen denen die dort angerufen haben. Daher ist es zumindest ein Betrug an diesen, da sie, unter der falschen Voraussetzung es ginge für ihre Lieblinge heute um alles, immer wieder aufgefordert wurden, ihre Stimme (kostenpflichtig) abzugeben. (Mal ganz abgesehen davon, dass ebenfalls ein Rechtsverhältnis zu den Castingteilnehmern besteht, die – sofern nicht vorher eingeweiht – ebenfalls betrogen wurden…)

  3. Hehe, die ausweichende Antwort der Notarin war mir auch sofort aufgefallen…;o) Wer da anruft, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Schade nur, dass die meisten Anrufer pubertierende Kids sein dürften, die nicht immer mit der Rationalität eines Erwachsenen gesegnet sein dürften und vom Sender erbarmungslos ausgenommen werden.

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